„Das ist wie Knast ohne Gitter“

88-Jähriger aus Brunsbek muss darum kämpfen, selbstständig sein Haus zu verlassen

Lorenz Lunau aus Brunsbek kämpft darum, sein Haus selbstständig zu verlassen

Lorenz Lunau lebt in Brunsbek, Kreis Stormarn. Der 88-Jährige ist geistig enorm fit, wohnt in einer Dorfgemeinschaft, umgeben von Pferdekoppeln und Landleben – und das bereits seit mehr als 50 Jahren. Seit einem schweren Reitunfall vor einigen Jahren ist Lorenz Lunau leider auf Gehhilfen angewiesen.

Längere Strecken hat er bis vor einiger Zeit mit dem Rollstuhl zurückgelegt. Aufgrund einer weit fortgeschrittenen Sattelgelenksarthrose ist es ihm aber nicht mehr möglich, die Räder mit seinen Händen anzutreiben. Mit dem Rollator kann er sich nur wenige Meter bewegen.

Doch es gibt eine Lösung: Am Rollstuhl selbst kann ein sogenanntes e-fix installiert werden. Das e-fix ist ein elektrischer Antrieb, der mit einer kleinen Armatur bedient wird. Lorenz Lunau hat das e-fix ausprobiert und war begeistert: „Damit konnte ich endlich wieder selbstständig nach draußen.“ Das Gerät ist darüber hinaus zugelassenes Hilfsmittel, kann also von der Krankenversicherung zur Verfügung gestellt werden.

Krankenkasse lehnt das Hilfsmittel ab

Wird es aber nicht. Im Oktober 2016 hat Lorenz Lunau das e-fix bei der Barmer GEK beantragt. Nach einigen Wochen muss er für eine Begutachtung zunächst zum TÜV Nord. „Acht Stunden habe ich dort rumgesessen. Sie können sich nicht vorstellen, wie arrogant man dort mit den Leuten umgegangen ist“, sagt der 88-Jährige im Rückblick.

Im Gutachten steht letztlich, dass er aufgrund einer Nierenerkrankung keine Kraftfahrzeuge führen dürfe. Da „nicht absehbar [sei], wann sich die Spätsymptome einer Niereninsuffizienz einstellen (Müdigkeit, verminderte Leistungsfähigkeit, Sehstörung, Übelkeit u.ä.), kann mit überwiegender Wahrscheinlichkeit ein elektrisch motorisiertes Krankenfahrzeug  mit der im Straßenverkehr erforderlichen Sorgfalt und Sicherheit nicht mehr geführt werden.“

Die Krankenkasse lehnt seinen Antrag also ab. Lorenz Lunau sitzt zu diesem Zeitpunkt bereits seit mehreren Monaten in seinem Haus fest. „Das fühlt sich an wie ein Knast ohne Gitter!“ Auch der Widerspruch des Sozialverbands wird zurückgewiesen. Zwar argumentiert der SoVD, dass Lorenz Lunau noch nie eines der Probleme, das im Gutachten genannt wird, erfahren hat. Die Entscheidung der Barmer GEK führe zu einer erheblichen Einschränkung der Lebensqualität, so der Sozialverband.

Doch die Kasse bleibt stur. Mittlerweile ist der Frühling da, die Reiterhöfe um Lunaus Wohnhaus erwachen zum Leben. „Ich wohne im Grünen und kann nicht raus. Es kann doch nicht sein, dass mir die Krankenkasse aufgrund einer Vermutung aus dem Gutachten Hausarrest verordnet!“

Deshalb wird Lorenz Lunau weiterkämpfen. Gemeinsam mit dem Sozialverband wird er alle rechtlichen Mittel ausschöpfen, um bald wieder am Leben teilhaben zu können.

 

Bei inhaltlichen Fragen wenden Sie sich bitte an:

Christian Schultz
Referent für Sozialpolitik
Telefon: 0431 / 98 388 – 70
Mail: sozialpolitik@sovd-sh.de

2 comments on “„Das ist wie Knast ohne Gitter“

  1. Ich möchre mich zu einzelnen kassen nicht äussern – kenne aber deren arbeitsweise zur genüge ( beruf : ambulante krankenschwester).wohl dem der eine priv.rechtsschutzversicherung und den SoVD hat.gutachten über versorgungsämter oder sonstiges sehen nie den ist- zustand – meist wird spekuliert…frei nach: klappe zu – affe tot !!!

  2. Angesichts der UN-Behindertenrechtskonvention Art. 20 hat Herr L. ein Recht auf persönliche Mobilität und zwar HEUTE. Denn wie sich seine Krankheit in Zukunft entwickeln wird, ist Kaffeesatzleserei und kein hinlänglicher Grund, o.g. Hilfsmittel abzulehnen.

    Bzw. Die bestehende Sattelgelenksarthrose ist ein triftiger Grund, Hilfsmittel zu bewilligen. Schließlich sind technische Hilfsmittel nicht für Gesunde gedacht.

    Die Formulierung im Bericht macht mich stutzig: „Nach einigen Wochen muss er für eine Begutachtung zunächst zum TÜV Nord.“ Greift hier nicht die Genehmigungsfiktion nach 3 bzw. 5 Wochen? Ein Antrag muss nach 3 Wochen beantwortet werden; wird ein Gutachten erforderlich, darf das Ganze nicht länger als 5 Wochen dauern: siehe BSG-Urteil:BSG Urteil B 1 KR 25-15 R.
    § 14 SGB IX = Rehabilitation & Teilhabe Behinderter
    Antrag, der nicht in der Frist genehmigt wird, gilt als genehmigt.
    Siehe auch § 13 Abs, 3a S. 9 SGB V

    MfG

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