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220 Millionen Euro – neue Züge sind nicht barrierefrei

220 Millionen Euro - neue Züge sind nicht barrierefrei

 

Ab dem Jahr 2022 sollen endlich neue Züge im schleswig-holsteinischen Nahverkehr unterwegs sein. Eine Nachricht, über die sich auch viele Menschen mit Behinderung gefreut haben – denn mit der Barrierefreiheit bei Zügen und Bahnhöfen gibt es nach wie vor massive Probleme. Als die Vertreter von Menschen mit Behinderung dann zum ersten Mal Details über die neuen Züge erfuhren, war von Vorfreude jedoch keine Rede mehr. Blankes Entsetzen trifft es mittlerweile wohl eher.

 

Worum geht es? Die DB Regio AG will 18 neue Doppelstockzüge für den Regionalverkehr in Schleswig-Holstein anschaffen, unter anderem für die Strecke Lübeck – Hamburg. Bei den Neuanschaffungen handelt es sich um das Modell KISS der Firma Stadler. An für sich ein schnittiger Zug, aber leider mit einem bedeutsamen Haken.

 

„Einstiegsbereich wird zur Falle“

„Wer als Rollstuhlfahrer in den Zug hinein und dann weiter zu den Rolli-Plätzen will, muss drei Rampen überqueren. Alle mit einer Steigung von 15 Prozent“, sagt Kay Macquarrie vom Sozialverband Schleswig-Holstein. „Das ist extrem steil und macht die ganze Sache richtig gefährlich.“ Auch Heike Witsch vom Bundesverband Selbsthilfe Körperbehinderter e.V. (BSK) kann es nicht fassen: „Nicht nur für Rollstuhlfahrer ist diese Konstruktion gefährlich, auch für Fahrgäste mit Rollator, blinde oder sehbehinderte Fahrgäste, Eltern mit Kinderwagen und Fahrgäste mit schwerem Gepäck kann der Einstiegsbereich zur Falle werden.“

 

Kay Macquarrie aus Kiel ist regelmäßig mit der Bahn unterwegs
Kay Macquarrie aus Kiel ist regelmäßig mit der Bahn unterwegs.

 

Doch nicht nur bei der Rampe wurde offenbar nicht an Menschen mit Behinderung gedacht: Zwischen den beiden Rampen ist eine Wendefläche mit einem Durchmesser von 117 Zentimetern vorgesehen. Das Gesetz fordert mindestens 150 Zentimeter. „Wer schon einmal selbst ausprobiert hat, mit einem größeren Rollstuhl zu wenden, sieht gleich: Das ist viel zu eng“, weiß Heike Witsch.

 

Was sagt das Land? In Schleswig-Holstein ist NAH.SH für den Betrieb des öffentlichen Nahverkehrs verantwortlich. Gegenüber dem NDR gibt Sprecher Dennis Fiedel zu: „Wir wissen […], dass das für manche Menschen mit Behinderungen nicht ausreicht.“

 

„Landesregierung muss eingreifen!“

Alfred Bornhalm aus dem geschäftsführenden Landesvorstand des Sozialverbands möchte das so nicht stehenlassen: „Schleswig-Holstein ist wie alle Bundesländer gesetzlich verpflichtet, den kompletten ÖPNV bis 2022 barrierefrei aufzustellen. Wie kann es sein, dass genau dann 18 neue Züge angeschafft werden, die nicht barrierefrei sind? Das ist doch ein Schildbürgerstreich.“ Der SoVD will die Entscheidung von NAH.SH nicht auf sich beruhen lassen. Bornhalm weiter: „Die Landesregierung muss hier eingreifen. Es kann nicht sein, dass zum jetzigen Zeitpunkt solch eine Investition getätigt wird, die derart gegen die UN-Behindertenrechtskonvention verstößt.“

 

Alfred Bornhalm vom SoVD Schleswig-Holstein sieht einen Verstoß gegen die UN-Behindertenrechtskonvention
Alfred Bornhalm vom SoVD Schleswig-Holstein sieht einen Verstoß gegen die UN-Behindertenrechtskonvention.

 

Übrigens, NAH.SH geht davon aus, dass die neuen Züge 30 Jahre im Einsatz sein werden.

 

Der Sozialverband Deutschland vertritt in Schleswig-Holstein mehr als 150.000 Mitglieder. Wir helfen in sozialen Angelegenheiten, etwa bei Problemen mit der Rente oder rund um das Thema Behinderung.

 

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