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Der erlösende Anruf kam nach 22 Jahren

Christa Gräpel-Quast musste 20 Jahre auf die Diagnose ihrer Krankheit warten

 

Nächstes Jahr möchte sie den Jakobsweg laufen. Komplett. Solch eine körperliche Herausforderung wäre für Christa Gräpel-Quast noch vor einiger Zeit undenkbar gewesen. Denn nach einem schweren Autounfall litt die Stormarnerin über 20 Jahre unter heftigen Schwindelanfällen sowie chronischen Nacken- und Kopfschmerzen.

 

Berufsgenossenschaft will Unfallfolgen nicht anerkennen – Sozialverband schaltet sich ein

Es ist der 26. Mai 1994. Christa Gräpel-Quast kommt von einem Geschäfstermin, steigt in Hamburg mit mehreren Kollegen in ein Taxi. Die Volkswirtin sitzt auf dem Beifahrersitz und dreht sich zur Rückbank. Plötzlich kracht der Wagen in ein anderes Fahrzeug.

 

Trotz starker Schmerzen und Konzentrationsstörungen steht Christa Gräpel-Quast schon nach zehn Tagen wieder im Büro. Selbst eine mehrtägige Geschäftsreise nach Südosteuropa tritt sie an, um ihren Arbeitgeber, ein Bankhaus, nicht hängen zu lassen. Die Stormanerin ist damals eine gefragte Expertin im Bankwesen, hat insbesondere mit Kunden in Mittel- und Osteuropa zu tun. Doch nach der Rückkehr nach Hamburg ist sie am Ende: „Die Schmerzen waren nicht auszuhalten. Statt in Urlaub zu fahren, habe ich versucht, über medizinische Behandlungen wieder fit zu werden. Leider vergeblich.“

 

Sie fällt ins Krankgeld, später rutscht sie in die Erwerbsminderungsrente. „Das Schlimmste war, dass ich meinen Beruf nicht mehr ausüben konnte. Den habe ich mit Leib und Seele gemacht“, erinnert sich die heute 69-Jährige. „Wenn meine Familie nicht für mich da gewesen wäre, weiß ich nicht, wie ich das durchgestanden hätte.“

 

Zermürbende Gerichtsverfahren

Neben der Gesundheit kämpft Christa Gräpel-Quast noch an einer anderen Front: Die Haftpflichtversicherung des Unfallfahrers will nicht zahlen, der Fall geht mehrmals vor Gericht. Parallel läuft ein Verfahren um die Kostenübernahme der Berufsgenossenschaft. „Meine ganzen Ersparnisse sind für diese Gerichtskosten draufgegangen“, so die ehemalige Bankangestellte. Nur dank dem vorbildlichen Verhalten ihres Arbeitgebers, der sie finanziell großzügig unterstützt, kann sie weitermachen.

 

 

Zehn Jahre dauert es, erst dann verurteilt das Gericht die Versicherung dazu, die Kosten zu übernehmen. Christa Gräpel-Quast ist einfach nur erleichtert. Doch ein Problem bleibt: Die Berufsgenossenschaft will von ihrer früheren Zusicherung, sich dem Urteil des Gerichts anzuschließen, nichts mehr wissen. „Ich war damals aber einfach fertig. Deswegen habe ich das Verfahren gegen die BG am Sozialgericht auf Anraten meines Anwalts zurückgezogen.“

 

Eine Frau kämpft sich zurück ins Leben

Vier Jahre nach dem Unfall arbeitet die Stormanerin wieder. Mit starken Schmerzmitteln, oft im Home-Office. „Das war damals alles andere als üblich, da war ich meinem Arbeitgeber sehr dankbar.“ Doch die Schmerzen und der Schwindel sind immer da. Nehmen sogar zu. Christa Gräpel-Quast erinnert sich: „Kein Arzt konnte mir sagen, was ich wirklich habe. Bei meinen Symptomen haben mich einige Leute sogar für verrückt gehalten.“

 

Trotz dieser Umstände arbeitet sie bis 2009 weiter, geht mit 60 in Rente. Die gesundheitlichen Beschwerden? Immer noch da, bestimmen den Alltag. Fünf Jahre später, im Herbst 2016, klingelt das Telefon. Am anderen Ende der Leitung ist der Hals-Nasen-Ohrenarzt und sagt: „Wir haben’s. Bogengangsdehiszenz.“

 

Bogengangsdehiszens. Eine Krankheit, die vor wenigen Jahren in den USA entdeckt wurde. In Deutschland erst 2016 anerkannt. Es ist ein großer Zufall, dass ausgerechnet ihr HNO-Arzt auf einem Vortrag davon erfährt. Christa Gräpel-Quast schaut erst einmal im Internet nach. Doch schnell weiß sie: „Genau das musste es sein. Es waren genau meine Symptome, es gab endlich für alles eine Erklärung.“ Sie wird operiert und lebt ein neues Leben. „Die Gleichgewichtsprobleme sind nicht ganz weggegangen, aber im Großen und Ganzen habe ich meine Lebensqualität zurückgewonnen. Dafür bin ich sehr dankbar.“

 

Alle sind sich einig. Nur die Berufsgenossenschaft …

Durch die Diagnose Bogengangsdehiszenz konnte auf viele Fragen eine Antwort gefunden werden. Die Ärzte von Christa Gräpel-Quast sind sich einig: Die Beschwerden sind Folge des Autounfalls vor über 20 Jahren. Dass es sich damals um einen Arbeitsunfall gehandelt hat, bestreitet die BG nicht. Doch sie weigert sich anzuerkennen, dass die gravierenden Folgeschäden ebenfalls durch den Unfall im Jahr 1994 hervorgerufen wurden. In der Ablehnung des Überprüfungsantrags schreibt die Berufsgenossenschaft von einem „Bagatellunfall“, bei dem es „allenfalls zu einer leichten Zerrung der Muskulatur im Bereich der Halswirbelsäule gekommen ist, die innerhalb kurzer Zeit folgenlos ausheilt.“

 

Seit vielen Jahren schon ist die Mutter eines Sohnes Mitglied im Sozialverband, bei dem sie sich „sehr gut aufgehoben“ fühlt. Christa Gräpel-Quast: „Die Ärzte sagen, dass ich all das aufgrund dieses Unfalls durchleben musste. Dass die Berufsgenossenschaft so etwas schreibt, macht mich wütend.“

 

Den Widerspruch hat der Sozialverband in Bad Oldesloe bereits verschickt. Wir bleiben dran.

 

Der Sozialverband Deutschland hilft in sozialen Angelegenheiten. Wir vertreten unsere Mitglieder bis zum Sozialgericht, unter anderem bei Auseinandersetzungen rund um das Thema Rente und Behinderung.

 

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Ein Gedanke zu „Der erlösende Anruf kam nach 22 Jahren

  1. Ich kenne das zu gut. Sind zwar keine 20 Jahre, aber dennoch zerrt es an den Nerven.

    Unfall wurde anerkannt
    Arbeit weg
    Umzug folgt
    Reha und während dessen eine OP an der HWS (wurde nicht anerkannt)
    Anwalt eingeschaltet in Sachen Verkehrsrecht. Daraus resultiert ein Parteigutachten, so dass der Anwalt keine Vertretung mehr übernehmen will.
    (Keine Rechtsschutzversicherung)
    Folgeschäden werden nicht anerkannt, weil es keinen Kausalzusammenhang geben würde.

    Stellungnahmen, Anwalt und Kosten für die Folgeschäden trage momentan ich alleine.

    Geld für ein Gericht oder einen Gutachter besitze ich nicht.

    Hier kann nur eine andere Stelle weiterhelfen, denn wer weiß weiß in den Jahren noch kommen mag.

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