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7500 Euro aus der Direktversicherung gehen an Finanzamt und Krankenkasse

7500 Euro aus der Direktversicherung gehen an Krankenkasse und Finanzamt

 

„Ich habe mir darüber nicht so viele Gedanken gemacht. Mein Vertrag bei der Direktversicherung lief ja schon eine ganze Weile, war teilweise beitragsfrei. Eigentlich dachte ich, diese Regelung würde mich nicht betreffen.“ Das war Anfang des Jahres. Norbert Ilchen hat zu diesem Zeitpunkt noch ein paar Wochen bis zum Start der Altersrente. „Ja, und dann kam im April der erste Brief meiner Krankenversicherung…“

 

Für Finanzamt und Krankenkasse gespart

 

Als Norbert Ilchen die erste Direktversicherung abschloss, klang alles stimmig: „Der Arbeitgeber hat 25 Euro beigesteuert, dazu kamen von mir noch 100 Euro im Monat.  Die prognostizierte Auszahlung klang attraktiv.“ Nach einigen Jahren wechselt sein Arbeitgeber, ein Futtermittelhersteller, die Versicherungsgesellschaft. An den Konditionen von Norbert Ilchen ändert sich nichts: 25 Euro vom Chef, 100 Euro zahlt er selbst.

 

 

Zum 01. März dieses Jahres geht der jetzt 63-Jährige in die Altersrente – nach vielen Jahren harter Arbeit. Das Geld aus seiner betrieblichen Altersvorsorge lässt er sich auszahlen, will damit ein Darlehen ablösen. Nur vier Wochen später – die Krankenkasse wurde in der Zwischenzeit vom Rentenversicherer informiert – erreicht ihn der erste Brief der Barmer: Man habe von seiner Kapitalabfindung gehört, auf diese müssten grundsätzlich Krankenkassenbeiträge abgeführt werden.

 

„Das war ein Schock für mich“, so Norbert Ilchen. „Aber ich hatte Glück, weil meine Betriebsrente relativ niedrig war.“ Was der 63-Jährige meint: Die Kapitalzahlung soll laut Gesetz über einen Zeitraum von zehn Jahren verbeitragt werden. Dazu wird die Auszahlungssumme durch 120 (10 Jahre x 12 Monate) geteilt. In Norbert Ilchens Fall ergibt dies einen Zahlbetrag in Höhe von 148,35 Euro im Monat.

 

Zahlen muss er dies zunächst allerdings nicht. Denn die Regel greift erst, wenn die monatliche Summe den sogenannten Grenzbetrag (1/20 der Bezugsgröße) übersteigt. Da dieser 2019 bei 155,75 Euro liegt, hat der gebürtige Pinneberger noch einmal Glück gehabt.

 

"Der Staat sagt uns, wir sollen fürs Alter vorsorgen und hält dann selbst als erster die Hand auf": Norbert Ilchen über seinen Unterlagen von Direktversicherung und Krankenkasse.
„Der Staat sagt uns, wir sollen fürs Alter vorsorgen und hält dann selbst als erster die Hand auf“: Norbert Ilchen über seinen Unterlagen von Direktversicherung und Krankenkasse.

 

So scheint es zumindest. Doch weil Norbert Ilchens Arbeitgeber vor etwa zehn Jahren das Versicherungsunternehmen für die Direktversicherung gewechselt hat, bekommt der Rentner vier Wochen nach dem ersten Schreiben wieder Post. Inzwischen hat die Krankenkasse Wind davon bekommen, dass auch die zweite Direktversicherung (der Teil, der nach dem Wechsel der Versicherungsgesellschaft erfolgte) zur Auszahlung gekommen ist.

 

„Damit war ich dann natürlich über dem Grenzbetrag“, so der 63-Jährige. „Wenn ich das alles damals gewusst hätte, wären wir niemals auf das Angebot eingegangen.“ Das Problem: Als Norbert Ilchen 2002 die erste Direktversicherung abschloss, galt diese Regel noch nicht. Erst zwei Jahre später, im Jahr 2004, trat das GKV-Modernisierungsgesetz in Kraft und verfügte, dass auch auf Betriebsrenten Krankenversicherungsbeiträge anfallen. Besonders fies ist, dass dieses Verfahren auch rückwirkend gilt. Ungerecht aber völlig legal.

 

Wie rund sechs Millionen andere Betroffene in Deutschland wird wohl auch Norbert Ilchen in den sauren Apfel beißen und zahlen müssen: „Bei mir überwiegt die Wut. Wenn uns das damals schon bekannt gewesen wäre, hätten wir das Geld doch ganz anders gespart. Man verlangt von uns, dass wir vorsorgen. Wenn wir das dann aber machen, ist der Staat der erste, der die Hand aufhält.“

 

Der Sozialverband Schleswig-Holstein hilft in sozialen Fragen. Wir vertreten unsere Mitglieder bis zum Sozialgericht, zum Beispiel bei Problemen mit der Erwerbsminderungsrente oder dem Behindertenausweis.

 

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3 Gedanken zu „7500 Euro aus der Direktversicherung gehen an Finanzamt und Krankenkasse

  1. Ich bin auch ein Betroffener von dieser bodenlosen Ungerechtigkeit. Um mich besser wehren zu können, habe ich mich dem Verein „Direktversicherungsgeschädigte e.V.“ angeschlossen.

    1. Ich bin auch betroffen und habe mich diesem Verein angeschlossen. Da soll man vorsorgen. Zahlt Steuern und Sozial zBeiträge und wird noch mal in die Taschen geriefen
      Rente nur 48% vom …
      Betriebrente sozial beiträge ag +an Zahlen warum???ich bin kein ag???
      Wird den 70% Pension gewährt???
      Ulla Schmidt danke Zuviel zur SPD
      Sozial ist das nicht…ungerecht. klammheimlich an kleinen bedient…
      Merkt ja keiner..aber jetzt….

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