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Jede*r Fünfte nicht mehr zugehörig

SoVD stellt in Bundespressekonferenz viel beachtetes Gutachten zum Thema Einsamkeit vor

Blick auf das Podium der Bundespressekonferenz
SoVD-Vizepräsidentin Prof. Dr. Ursula Engelen-Kefer (Mi.) und Gutachterin Prof. Dr. Claudia Neu (li.) präsentieren die Ergebnisse. Foto: Laurin Schmid

Der SoVD hat vor zunehmender Einsamkeit in der Corona-Pandemie gewarnt und entsprechende Gegenmaßnahmen gefordert. „Jede*r fünfte Deutsche fühlt sich nicht mehr zugehörig“, geht aus einem Gutachten hervor, das der Verband in Auftrag gegeben hatte. SoVD-Vizepräsidentin Prof. Dr. Ursula-Engelen Kefer und Gutachterin Prof. Dr. Claudia Neu von der Georg-August-Universität Göttingen stellten die Ergebnisse der Studie jetzt im Rahmen einer Bundespressekonferenz in Berlin vor.

„Wie ein Brennglas hat die Corona-Pandemie grundlegende Systemfehler und langjährige Fehlentwicklungen in den deutschen Sozialsystemen aufgezeigt und zugleich bestehende Probleme verschärft“, sagte Engelen-Kefer bei der Vorstellung des Gutachtens. So hätten etwa Besuchsverbote und Ausgangsbeschränkungen in stationären Einrichtungen die Ausgrenzung von Pflegebedürftigen, chronisch Kranken und Menschen mit Behinderungen verstärkt. Sozial isoliert oder ausgeschlossen fühlten sich auch Hochbetagte, Langzeitarbeitslose oder von Armut Betroffene, darunter viele Alleinerziehende, erklärte die SoVD-Vizepräsidentin. Wo das Geld fehle, um die Kinder für das „Homeschooling“ digital fit zu machen, werde gesellschaftliche Teilhabe zum Fremdwort.

Soziale Exklusion spaltet  die Gesellschaft

„Bereits vor der Corona-Pandemie waren in Deutschland mehr als vier Millionen Menschen meist oder sehr oft einsam. Studien, die nach sozialer Isolation und sozialer Exklusion fragen, legen die tiefe Spaltung unserer Gesellschaft offen. Jede*r fünfte Deutsche fühlt sich nicht mehr zugehörig“, betonte Engelen-Kefer. Es bestehe dringender Handlungsbedarf. Außerdem gelte es, endlich die Schamgrenze zu durchbrechen und das Thema Einsamkeit aus der Schmuddelecke herauszuholen, so die SoVD-Vizepräsidentin.

Gutachterin Prof. Dr. Claudia Neu, Leiterin des Fachgebietes Soziologie ländlicher Räume der Universitäten Göttingen und Kassel, untermauerte diese Feststellung: „Die Corona-Pandemie verschärft das Einsamkeitserleben gerade auch bei Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen. Sie leiden besonders unter den Kontaktbeschränkungen.“

Schließung von Orten der Begegnung erhöht das Risiko

Geschlossene Schulen und Kitas oder wegfallende Begegnungsorte wie Schwimmbäder, Bibliotheken, Vereinsheime oder Sportstadien erhöhten das Einsamkeitsrisiko, sagte Neu. „Gerade im ländlichen Raum gibt es oftmals keinen barrierefreien und bezahlbaren ÖPNV, keine Ärzte- und Krankenhäuser, keine Kultureinrichtungen, Quartiersläden oder soziale Begegnungsorte; hier ist die Frage der Gleichwertigkeit der Lebensverhältnisse sehr konkret.“

Akut von Isolation, Exklusion und Einsamkeit seien daher diejenigen besonders bedroht, die von öffentlichen Gütern und Dienstleistungen ausgeschlossen seien, so die Gutachterin. „Einsamkeit und Isolation sind auch ein Spiegel fehlender sozialer Orte und Gelegenheitsstrukturen, mit anderen Menschen in Kontakt zu treten.“

Für den SoVD fordern die Ergebnisse der Studie dringend zum Handeln auf. „Damit der Weg zu einer inklusiven Gesellschaft gelingen kann, ist vor allem der Zugang zu sozialer Teilhabe ohne Barrieren und Diskriminierung entscheidend. Dafür muss Geld in die Hand genommen und müssen Kommunen dabei unterstützt werden, die notwendige Infrastruktur zu schaffen“, machte Engelen-Kefer deutlich.

Maßnahmen ergreifen, die Vereinsamung vorbeugen

Um besonders vulnerable Personengruppen vor einer Viruserkrankung zu schützen, drängt der SoVD unter anderem darauf, Hygiene- und Schutzkonzepte bundesweit konsequent einzufordern, umzusetzen und zu kontrollieren. Gleichzeitig müssen konkrete Maßnahmen greifen, die Vereinsamung und Isolation entgegenwirken.

Aus Sicht des SoVD sind dabei vor allem aufsuchende Hilfen und zugehende Angebote zu stärken – nicht zuletzt für Menschen, die im häuslichen Umfeld Unterstützung benötigen.

Weil nachweislich insbesondere junge Menschen während der Corona-Krise besonders unter Einsamkeit leiden, müssen auch sie gezielte Aufmerksamkeit und Unterstützung erhalten.

Mit seinen konkreten Forderungen für eine inklusive, solidarische Gesellschaft und eine umfassende Stärkung des Sozialstaates wird sich der SoVD an die Politik wenden. Zu den Handlungsmaximen gehören: die Verbesserung der Daseinsvorsorge, die Bekämpfung von Armut, die  bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf insbesondere auch für Alleinerziehende, die besondere Unterstützung von Kindern und Jugendlichen in der Pandemie, der Ausbau von Prävention und Rehabilitation sowie das Vorantreiben der Digitalisierung.

Daten über Einsamkeit

Im Gutachten wurden aktuelle Studien zur Prävalenz (Kennzahlen) von Einsamkeit und sozialer Isolation betrachtet. Folgende Aussagen lassen sich zusammenfassen:

Allgemeines:

  • 4 bis 9,5 Millionen Menschen sind in Deutschland fast immer oder immer einsam.
  • Junge Erwachsene, Menschen um die 60 und dann wieder im Alter ab 75 Jahren sind verstärkt von Einsamkeit betroffen.
  • Je abgelegener eine Region, desto höher ist das Einsamkeitsrisiko.
  • Die Armutsrisikoquote lag 2019 bei 15 Prozent.
  • Von sozialer Ausgrenzung bedroht sind sogar 17 Prozent der Bevölkerung.

Corona und Einsamkeit:

  • Während der Pandemie haben Einsamkeitsgefühle im Vergleich zu 2017 erheblich zugenommen.
  • 48 Prozent der Deutschen fühlten sich während des ersten Lockdowns zumindest gelegentlich einsam.
  • Ebenfalls 48 Prozent glauben, dass sich soziale Unterschiede durch Corona vergrößern.
  • Junge Erwachsene (unter 30-Jährige), Kinder und Alleinerziehende leiden während der Pandemie überdurchschnittlich häufig unter Einsamkeitsgefühlen.
  • Über die Hälfte der Stadtbewohner*innen klagt über Einsamkeit. Bei Bewohner*innen ländlicher Räume sind es überraschend nur 41 Prozent.

Welche Faktoren bedingen Gefühle von Einsamkeit?

  • Weil Armut ausgrenzt, macht sie auch einsam.
  • Pflegebedürftige und chronisch Kranke haben ein erhöhtes Risiko, einsam oder sozial exkludiert zu sein.
  • Menschen mit Behinderungen haben geringere gesellschaftliche Teilhabechancen. Dies führt zu Isolation und Exklusion.
  • Mobilitätseinschränkungen, nicht barrierefreier Zugang zu öffentlichen Einrichtungen und ÖPNV reduzieren die Teilhabechancen und erhöhen das Risiko, zu vereinsamen.    

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