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Erwerbsminderungsrente: Gleiches Recht (nicht) für alle?

Wie ein Mann aus Elmshorn um sein Recht bei der Erwerbsminderungsrente kämpfen muss

Peter Tiedemann ist 40, als er die ersten Symptome der Krankheit spürt. Immer mal wieder. Dass es sich um Morbus Crohn, eine chronische Entzündung des Darms, handelt, weiß er zu diesem Zeitpunkt nicht. Er arbeitet weiter.

Zwei Jahre lang, dann geht nichts mehr. In der Zwischenzeit hat Tiedemann eine Odyssee zu zahlreichen Ärzten hinter sich. Nach langer Ungewissheit weiß er jetzt, dass er eine unheilbare Krankheit hat. In extremer Ausprägung. „Am Anfang habe ich manchmal gedacht, ich gehe daran kaputt. Aber ich habe vom Schicksal ein Paket bekommen – das will ich nun möglichst aufrecht und lächelnd durchs Leben tragen. So bin ich nun mal erzogen worden.“

 

Eine unheilbare Krankheit reißt ihn aus dem Leben

Gern würde er wieder in die Firma. Aber spätestens in der ersten Reha sagt man ihm: „Herr Tiedemann, Sie werden nie wieder arbeiten gehen.“ Das ist hart, denn Tiedemann hat seit seinem 15. Lebensjahr malocht. Erst als Papiermacher, danach als Grafikdesigner. Mit 30 schult er noch einmal zum Maler um. „In der Berufsschule haben mich die anderen gern mal als Opa angesprochen“, erinnert sich der heute 50-Jährige mit einem Lächeln.

Jetzt soll er nie wieder arbeiten können. Noch in der Reha wird vom Rententräger selbst die Erwerbsminderungsrente beantragt. So wird Peter Tiedemann 2010 zum Rentner wegen Erwerbsminderung, bekommt monatlich rund 850 Euro. „Zum Glück hatte ich vor einigen Jahren eine private Berufsunfähigkeitsversicherung abgeschlossen. Von der bekomme ich nicht viel. Aber ganz ohne diesen Zuschuss wüsste ich nicht, was ich machen soll.“

 

Kampf für Gerechtigkeit

Tiedemann ist in Uetersen aufgewachsen. Gearbeitet hat er vor seiner Erkrankung zuletzt in einer Fabrik für Papier und Kartonagen. So stand er jahrelang in Schichtarbeit an der Maschine und wechselte die Druckplatten. Zusätzlich kümmerte er sich im Betriebsrat um die Interessen der Mitarbeiter.

2010, Tiedemann ist längst so krank, dass er seit Monaten nicht mehr im Betrieb war, kommen die alten Kollegen auf ihn zu: Die Fabrik soll aus betrieblichen Gründen geschlossen werden. Die Geschäftsführung will dafür ein neues Werk in Mecklenburg-Vorpommern eröffnen – gefördert durch öffentliche Gelder. „Da ist mir der Kragen geplatzt“, so Tiedemann. „Wir haben mit Betriebsrat und der Gewerkschaft alle Register gezogen.“ Demonstrationen und Streik folgen, Tiedemann schaltet die Presse ein. Am Ende kann die Schließung der Fabrik nicht verhindert werden, aber die Mitarbeiter erhalten eine deutlich höhere Abfindung als ursprünglich angeboten.

 

Das Problem mit der Erwerbsminderungsrente

Um Gerechtigkeit geht es ein paar Jahre später auch für Peter Tiedemann selbst. Die Bundesregierung beschließt 2014 Verbesserungen bei den Erwerbsminderungsrenten: Statt bis 60 werden diese in Zukunft so hochgerechnet, als ob Betroffene bis 62 gearbeitet hätten. „Für mich galt das aber nicht, denn diese Regelung war nur für zukünftige Erwerbsminderungsrentner vorgesehen“, erinnert sich Tiedemann.

Doch damit nicht genug: Jetzt hat die Bundesregierung das EM-Leistungsverbesserungsgesetz verabschiedet. Ab 2018 wird die Zurechnung sogar auf 65 erhöht. Allerdings wieder nicht für die Bestandsrentner. Peter Tiedemann lebt mit seiner Frau am Rand von Elmshorn. Diese Entscheidung der Politik ist für ihn nicht nachzuvollziehen: „Da reden in Deutschland alle von Inklusion, aber das ist alles Augenwischerei. Dieses Land gibt so viel Geld aus. Aber für uns Menschen mit Behinderung soll es an dieser Stelle nicht reichen?“

 

Eine Frage der Gerechtigkeit

Das sieht auch der Sozialverband so. Spätestens nach der Bundestagswahl im September muss es Nachbesserungen für die Bestandsrentner bei der Erwerbsminderungsrente geben. Um tatsächlich etwas gegen Altersarmut zu tun, muss die Bundesregierung mindestens drei Forderungen erfüllen.

Peter Tiedemann wird ebenfalls weitermachen. Mit seiner Schwerbehinderung kann er nicht mehr arbeiten. Auch seine frühere Leidenschaft, das Motorradfahren, ist nicht mehr möglich. „Die Krankheit wird aber niemals der Mittelpunkt meines Lebens sein“, sagt er bestimmt. „Aber für Gerechtigkeit werde ich immer kämpfen.“

 

Der Sozialverband Deutschland vertritt in Schleswig-Holstein mehr als 150.000 Mitglieder. Wir helfen in sozialen Angelegenheiten, etwa bei Problemen mit der Rente oder rund um das Thema Behinderung.

 

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7 Gedanken zu „Erwerbsminderungsrente: Gleiches Recht (nicht) für alle?

  1. Zuerst einmal, das mit dieser schlimmen Erkrankungen Herr Tiedemann tut mir leid. Das ist ein sehr schlimme Sache. Ich war selber Berufsunfähigkeit, und weiß, wie schwer es in Deutschland ist, richtige Hilfe zu bekommen. Mit der BU Rente wird sowas von auf die kacke gehauen von Seiten der regierenden, aber davon leben kann keiner mehr in der heutigen Zeit. 😤 Die Kraft zum kämpfen hat auch nicht jeder der das alles durchmachen muss.Ich wünsche Ihnen alles Gute für Ihre Zukunft und die Ihrer Familie.

  2. Hinzukommt das die Teilerwerbminderungsrente mit 74% besteuert wird und dadurch der finanzieller Absturz entsteht du darf in diesem Staat nicht krank werden obwohl man von Anfang an gearbeitet hat

  3. Ist alles nicht mehr normal. Meine 72 Wochen Erkrankung sind um. Heilung wird es nie geben bei Parkinson incl. Depression, dennoch bekommt man keine EMR. Nichtmal zum Gutachter wird man bestellt beim Rententräger. Selbst vom Arbeitsamt wird man als vollerwerbsfähig eingestuft obwohl auch hier kein Gutachter einen gesehen hat. Hauptsache unsere Einwanderer sind rund um versorgt. Danke Vaterland.

  4. Was ist mit den Allgemeines Gleichbehandlungsgesetz?
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    Das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz (AGG) – umgangssprachlich auch Antidiskriminierungsgesetz genannt – ist ein deutsches Bundesgesetz, das „Benachteiligungen aus Gründen der Rasse oder wegen der ethnischen Herkunft, des Geschlechts, der Religion oder Weltanschauung, einer Behinderung, des Alters oder der sexuellen Identität verhindern und beseitigen soll“. Zur Verwirklichung dieses Ziels erhalten die durch das Gesetz geschützten Personen Rechtsansprüche gegen Arbeitgeber und Private, wenn diese ihnen gegenüber gegen die gesetzlichen Diskriminierungsverbote verstoßen. Mit seinem Inkrafttreten wurde das Beschäftigtenschutzgesetz abgelöst.

    Ist das nicht anwendbar, um auch hier eine Gleichbehandlung durchzusetzen?

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