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„E-Autos müssen lauter gemacht werden!“

E-Autos müssen lauter gemacht werden - Interview mit Heiko Kunert vom BSVH

Heiko Kunert im Gespräch über Barrierefreiheit in Norddeutschland

 

Heiko Kunert ist Geschäftsführer beim Hamburger Blinden- und Sehbehindertenverein (BSVH). Darüber hinaus wirkt er als Blogger zu Inklusion und Barrierefreiheit, um diese Themen einem breiteren Publikum näher zu bringen. Wir haben mit ihm gesprochen.

 

Herr Kunert, beim Thema Barrierefreiheit denken viele Menschen erst einmal an rollstuhlgerechte Maßnahmen. Auf welche Weise versuchen Sie, das Thema breiter aufzustellen – insbesondere auf Menschen mit Sehbehinderung.

Wir vom Blinden- und Sehbehindertenverein Hamburg (BSVH) agieren dazu auf verschiedenen Ebenen: Wir beraten die Stadt bei Planungen im öffentlichen Raum, z.B. wenn neue Quartiere entstehen, Straßen erneuert werden oder öffentliche Gebäude geplant werden. Das ist eine große Aufgabe.

 

Deshalb haben wir seit 2014 gefordert, dass in Hamburg ein Kompetenzzentrum für Barrierefreiheit entsteht, das mit Geldern der Stadt finanziert wird, diese Aufgaben bündelt und bearbeitet. Wir sind froh, dass sich die Hamburgische Bürgerschaft dieser Forderung angeschlossen hat und dass das Kompetenzzentrum für ein barrierefreies Hamburg nun unter unserer Beteiligung entsteht.

 

Heiko Kunert im Gespräch mit dem Sozialverband Schleswig-Holstein (Fotos: BSVH)
Heiko Kunert im Gespräch mit dem Sozialverband Schleswig-Holstein (Fotos: BSVH)

 

Darüber hinaus mahnen wir Probleme oder Versäumnisse an, wie z.B. bei der Elbphilharmonie. Dort stellten wir nach der Eröffnung erhebliche Mängel hinsichtlich der Barrierefreiheit fest. Wir haben diese im Dialog mit der zuständigen Behörde für Kultur und Medien, aber auch öffentlich kommuniziert. Das Ergebnis war, dass umgehend Stufen-Markierungen auf den Treppen im Foyer angebracht wurden. Weitere Mängel müssen noch behoben werden. Da das Interesse der Bevölkerung an der Elbphilharmonie sehr groß war, konnten wir damit auch die Öffentlichkeit darüber informieren, dass Barrierefreiheit mehr ist als ein Zugang für Menschen im Rollstuhl.

 

Wie erleben Sie persönlich im Alltag Barrieren? An welchen Orten? In welchen Situationen? Wie gehen Sie damit um?

Barrieren sind ein alltäglicher Begleiter. Manchmal bin ich als Betroffener so sehr an sie gewöhnt, dass sie erst einmal gar nicht als solche auffallen. Es gibt kleine und es gibt große Barrieren. Das reicht von fehlenden oder falschen Lautsprecher-Ansagen an Bahnhöfen und in U-Bahnen, über fehlende Beschriftungen von Bildern und Schaltflächen im Internet bis zu den Barrieren in den Köpfen. Bei Letzteren versuche ich zu informieren und einen Umdenkprozess einzuleiten.

 

„Viele Vorurteile beruhen auf Unwissenheit“

 

Häufig beruhen Vorurteile und Fehlverhalten sehender Menschen auf Unwissenheit. Da kann ein offenes Gespräch Wunder wirken. Schwieriger wird es bei struktureller Diskriminierung, die es gegenüber Menschen mit Behinderung auch gibt, die aber viel zu wenig thematisiert wird. Bei baulichen oder sonstigen Barrieren reagiere ich, indem ich auf die Probleme aufmerksam mache und Forderungen stelle, sei es im Rahmen der BSVH-Öffentlichkeitsarbeit und -Interessenvertretung oder auch mal mit einem pointierten Twitter- oder Facebook-Post.

 

Sie selbst leben und arbeiten in Hamburg. Was sind die größten Errungenschaften beim Abbau von Barrieren, die wir in Norddeutschland in den letzten Jahren gesehen haben?

Insgesamt beobachte ich eine größere Offenheit für die Themen Barrierefreiheit und Inklusion. Hier hat die UN-Behindertenrechtskonvention schon einiges bewegt. Es wird für Politik, Verwaltung und Stadtplaner immer selbstverständlicher, dass Menschen mit Behinderung und ihre Organisationen bei neuen Projekten beteiligt werden müssen. Hier müssen wir nur immer wachsam sein, dass dies nicht nur pro forma geschieht, sondern auch wirklich zu mehr Barrierefreiheit führt.

 

Tendenziell positiv ist auch die Zunahme an barrierefreien Angeboten in den öffentlich-rechtlichen Medien, in unserem Fall beim NDR. Hier gibt es inzwischen deutlich mehr Sendungen mit Audiodeskription für blinde und sehbehinderte Menschen – Bildbeschreibungen im zweiten Tonkanal -, wenngleich auch hier noch Luft nach oben ist.

 

Wenn Sie eine Rangliste von Maßnahmen entwickeln müssten, die für Menschen mit Behinderung von großer Bedeutung sind – was wären die drei wichtigsten Themen, die Sie angehen würden?

Es gibt keine drei Themen oder eine Rangliste an Maßnahmen, die wichtiger sind als andere. Eine inklusive Gesellschaft kann nur ganzheitlich entstehen, nicht punktuell. Wir setzen uns für eine gleichberechtigte Teilhabe auf allen gesellschaftlichen und baulichen Ebenen ein. Wenn wir in einer barrierefreien, inklusiven Gesellschaft leben, in der alle Menschen gleichberechtigt an allen Facetten der Gesellschaft teilhaben, sind die Ziele der UN-Behindertenrechtskonvention erreicht.

 

Wenn ich aber drei Themen nennen soll, die mich sehr beschäftigen, dann sind das: erstens die Weiterentwicklung von Nachteilsausgleichen, so fordern wir die Einführung eines Taubblindengeldes und eines Sehbehindertengeldes für Hamburg. Zweitens ist die Teilhabe am Arbeitsleben ganz zentral für mehr Inklusion. Es ist wirklich ein Skandal und ein Armutszeugnis für diese Gesellschaft, dass nicht einmal 30 Prozent der blinden Menschen im erwerbsfähigen Alter einen Job auf dem ersten Arbeitsmarkt haben.

 

Forderung: Sehbehindertengeld für Hamburg

 

Und drittens möchte ich die Sicherheit im Straßenverkehr nennen. Hier sind zum einen Mischverkehrsflächen – Bereiche, die von Autos, Fahrrädern und Fußgängern gemeinsam genutzt werden – eine große Gefahr für blinde und sehbehinderte Menschen. Zum anderen ist die zunehmende Elektromobilität ein Problem, da die E-Autos häufig für uns nicht hörbar sind. Daher fordern wir, dass alle E-Autos ein Akustiksignal erhalten, damit wir uns auch in Zukunft sicher im öffentlichen Raum bewegen können – eine Grundvoraussetzung für gesellschaftliche Teilhabe.

 

 

Welche Rolle kommt den Sozialverbänden in Deutschland bei der Bewältigung dieser Aufgaben zu?

Die Sozialverbände und die Blinden- und Sehbehindertenselbsthilfe vertreten zu einem nicht unerheblichen Teil die gleiche Zielgruppe. Die Mehrzahl der blinden und sehbehinderten Menschen sind Senioren. Gleichzeitig sind jüngere blinde und sehbehinderte Menschen aufgrund der prekären Arbeitsmarkt-Situation überdurchschnittlich häufig von Armut betroffen.

 

Insofern sollten auch die Sozialverbände bei ihrer Arbeit und bei ihren politischen Forderungen an diesen Personenkreis denken. Eine wichtige Aufgabe der Sozialverbände kann zum Beispiel auch darin bestehen, darauf aufmerksam zu machen, dass nicht immer eine offensichtliche Behinderung die Menschen einschränkt und dass gerade bei älteren Menschen häufig die Probleme durch eine Sehbeeinträchtigung nicht erkannt werden.

 

Wenn Menschen Probleme mit der Orientierung haben, unsicher sind, stolpern oder stürzen, steckt nicht immer eine Demenz, ein Durchblutungsproblem oder eine Muskelschwäche dahinter. Vielmehr kann auch ein unerkannter Sehverlust die Ursache sein. Es passiert zum Beispiel oft in Alterseinrichtungen, dass ein Sehverlust nicht erkannt wird.

 

Und schließlich ist es wichtig, dass Beraterinnen und Berater des SoVD Betroffene an die Blinden- und Sehbehindertenvereine in der Nähe verweisen. Oft helfen schon kleine Tricks, einige Tipps und ein, zwei Hilfsmittel, um die Lebensqualität von Betroffenen zu erhöhen.

 

Vielen Dank für das Gespräch, Herr Kunert!

 

Der Sozialverband Deutschland vertritt in Schleswig-Holstein mehr als 145.000 Mitglieder. Wir helfen in sozialen Angelegenheiten, etwa bei Problemen mit der Rente oder rund um das Thema Behinderung.

 

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