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Die Maschen der Krankenkassen

Die Maschen der Krankenkassen

 

Seit 12 Jahren arbeitet Lydia Walewska* als Kommissioniererin. Sie mag ihren Job. Auch dass sie dabei viel auf den Beinen ist und Waren verräumt, gehört für sie einfach dazu. Doch seit etwas mehr als einem Jahr macht ihr Knie nicht mehr mit. „Die Ärzte sprechen von Verschleiß. Ich hoffe, dass sich das irgendwie wieder zum Guten wendet“, so die 51-Jährige. Die tägliche körperliche Belastung in der Firma wurde irgendwann zu viel. Seit Anfang des Jahres bezieht Lydia Krankengeld.

 

„Am Anfang war mein Sachbearbeiter bei der Krankenkasse noch sehr nett“, erinnert sie sich, während wir gemeinsam mit ihrem Mann ihrer Küche sitzen. „Einmal im Monat hat er angerufen und sich freundlich nach meinem Gesundheitszustand erkundigt. Ich empfand das erst einmal als guten Service.“ Doch der Tonfall des Mitarbeiters habe sich bereits nach einiger Zeit verschärft. Lydia weiter: „Irgendwann hat er dann schon alle 14 Tage bei mir angerufen. Wann ich denn endlich wieder arbeiten gehe, wollte er wissen. Zuletzt hat er mich richtig unter Druck gesetzt.“

 

 

Krankengeld: „Zuletzt hat er mich richtig unter Druck gesetzt.“

 

Dieses Vorgehen von Krankenkassen ist leider kein Einzelfall. In den Sozialberatungszentren des SoVD in Schleswig-Holstein häufen sich zurzeit wieder die Fälle, in denen Menschen über Probleme mit ihrer Krankenversicherung klagen. Immer ganz vorn dabei: Schwierigkeiten mit dem Krankengeld. Astrid Abandowitz leitet den Kreisverband des SoVD in Neumünster. Sie sagt: „Gerade in letzter Zeit stellen wir leider wieder vermehrt fest, dass Krankenkassen Druck auf ihre Versicherten ausüben. Oft geht es dabei um den Bezug von Krankengeld.“

 

So auch bei Rolf Jäger*. Der 63-Jährige LKW-Fahrer lebt ebenfalls in Neumünster. Seit mehr als 30 Jahren schuftet er in seinem Betrieb, schon lange zahlt er für diese körperlich anstrengende Arbeit mit Rückenschmerzen. Im Herbst 2018 geht dann plötzlich nichts mehr. Nachdem Rolf Holz gestapelt hat, strahlen die Schmerzen so stark aus, dass er ins Krankenhaus muss. „Dort konnte ich an einem Tag mein linkes Bein nicht mehr bewegen“, erinnert sich der Holsteiner. „Als die Krankenschwester das festgestellt hat, wurde ich sofort operiert.“

 

Auf das Krankenhaus ist Rolf nicht gut zu sprechen. Verständlich, denn neben dem akuten Bandscheibenvorfall übersahen die Ärzte viel zu lange eine gefährliche Verstopfung in der Galle. „Ohne eine besonders engagierte Ärztin dort würde ich heute vielleicht nicht mehr leben“, so der 63-Jährige. Als Fahrer kann Rolf seitdem nicht mehr eingesetzt werden. Eine andere Tätigkeit, die seinen gesundheitlichen Fähigkeiten entgegen käme, sei laut Geschäftsleitung nicht frei. Krankengeld erhält er seit Oktober 2018.

 

— Nach 78 Wochen ausgesteuert? Lesen Sie hier, wie es nach dem Krankengeld weitergehen kann —

 

Auch Rolf erhielt vor einigen Wochen einen Anruf von seiner Krankenversicherung. Eine freundliche Dame fragte ihn nach seinem Befinden und kam zu dem Schluss „Dem Mann muss geholfen werden!“ Die Krankenkasse hatte sich auch schon etwas ausgedacht. Einige Tage später traf ein Brief ein: Der Neumünsteraner sollte „auf freiwilliger Basis“ – das wurde in dem Gespräch zuvor gleich zweimal betont – an einer individuellen Beratung im Berufsförderungswerk teilnehmen. In Stralsund.

 

„Da habe ich zu meiner Frau gesagt: Hier muss es einen Haken geben. Ich hatte von Anfang an ein komisches Gefühl.“ Rolf Jäger wendet sich an den Sozialverband. Auch dort ist man erst einmal überrascht. „Die Sache mit dem Berufsförderungswerk kannten wir hier noch nicht“, so Astrid Abandowitz. Doch es stellt sich die Frage: Warum sollte Rolf, der lückenlos krankgeschrieben ist, an einer Maßnahme in Stralsund teilnehmen? Vor diesem Hintergrund übernimmt der SoVD die Korrespondenz mit der Krankenkasse und argumentiert, dass sich Rolf gesundheitlich noch nicht in der Lage fühlt, an solch einem Angebot teilzunehmen. Da die Sache mit Stralsund auf freiwilliger Basis erfolgen sollte, hört der 63-Jährige erst einmal nichts mehr von seiner Kasse.

 

Anders bei Lydia Walewska. In seinen regelmäßigen Anrufen baut der Sachbearbeiter ihrer Krankenversicherung massiven Druck auf. Spricht von der Kasse als Solidargemeinschaft, die nicht von den Mitgliedern ausgenutzt werden dürfe. „Das muss man sich mal vorstellen“, so die 51-Jährige. „Da will man nichts lieber, als wieder zur Arbeit zu gehen. Und die Krankenkasse wirft Dir indirekt vor, Du würdest simulieren. Ich kann einfach nicht mehr. Man bekommt richtige Existenzängste.“

 

Jetzt will die Krankenkasse, dass Lydia ihren Arbeitsvertrag auflöst, um dann Arbeitslosengeld zu beziehen. Davon hat ihr der Sozialverband umgehend abgeraten. Warum sollte sie auch? „Dass die Krankenkassen wirtschaftlich zu arbeiten, ist ja richtig“, findet Jutta Kühl, die Landesvorsitzende des SoVD in Schleswig-Holstein. „Aber wenn eine Kasse auf dem Rücken der Schwachen – und dabei handelt es sich ja bei Menschen, die so schwer erkrankt sind – sparen will, dann ist das ein Skandal!“

 

Jutta Kühl vom SoVD Schleswig-Holstein
Jutta Kühl ist Landesvorsitzende des SoVD in Schleswig-Holstein

 

Lydia ist mittlerweile mit den Nerven am Ende. Sie unternimmt alles, um wieder auf eigenen Beinen zu stehen. „Im Moment versuche ich, über das Hamburger Modell wieder in den Job zu finden. Erst zwei Stunden am Tag, bald sollen es vier Stunden täglich sein. Aber ob das klappt, weiß ich nicht. Mein Knie schwillt durch die Arbeit regelrecht an und wird heiß, es tut sehr weh.“ Ihre große Hoffnung: ein anderer Job in der Firma, wo sie dann im Büro arbeiten würde. Hauptsache, weg vom Krankengeld.

 

Rolf Jäger sieht es ähnlich: „Nächstes Jahr gehe ich in Rente. Ich will mit dem ganzen Ärger um Krankengeld und Krankenkasse nichts mehr zu tun haben. Solange man in Deutschland arbeitet, klopfen Dir alle auf die Schulter. Aber wenn Du krank wirst, bist Du plötzlich ein Nichts.“

 

* Zum Schutz der betroffenen Personen haben wir alle Namen in diesem Beitrag verändert.

 

Der Sozialverband Deutschland hilft in sozialen Angelegenheiten. Wir vertreten unsere Mitglieder bis zum Sozialgericht, unter anderem bei Auseinandersetzungen rund um das Thema Rente und Behinderung.

 

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Ein Gedanke zu „Die Maschen der Krankenkassen

  1. All das kenne ich nur zu gut. Ich bin 2007 an Krebs erkrankt. Nach Operation folgte Strahlentherapie und eine 5 Jahre andauernde Antihormontherapie. Nicht genug das meine Seele im Eimer war und auch immer noch ist, haben die Therapien eine Menge Nebenwirkungen hinterlassen. Und auch ich wurde von meiner Krankenkasse bös unter Druck gesetzt. Das geht einfach nicht. Es hat mich immer wieder zurück geworfen.

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