AltersarmutSozialpolitik

850 Euro Rente für 43 Jahre Arbeit

 

Ein kleines Haus in Bordelum, Kreis Nordfriesland. Vom Parkplatz geht es durch einen gepflegten Vorgarten zur Haustür, wo uns Ingwer Bendixen freundlich begrüßt. Der 65-Jährige ist hier geboren und aufgewachsen – in seinem Haus wohnt er seit 40 Jahren.

 

43 Jahre Arbeit

„Meine Lebensplanung sah so aus, dass unser Haus mit 63 abbezahlt sein sollte. Dann wollte ich in Rente gehen und noch etwas vom Ruhestand haben.“ Es kam anders.

 

Ingwer Bendixen hat nach der Schule eine Ausbildung zum Einzelhandelskaufmann gemacht. 24 Jahre arbeitete er anschließend für zwei Unternehmen im Großhandel, zuletzt im Außendienst. „Das hat mir Freude gemacht, man war immer unter Leuten“, erinnert sich Bendixen. Anfang der Neunziger Jahre dann ein erster Schuss vor den Bug: Auch in Nordfriesland sterben die kleinen Geschäfte aus. Die Kunden, die Ingwer Bendixen beliefert, werden immer weniger. Er verliert seinen Job und muss einen neuen Weg einschlagen.

 

„Es ging nicht mehr“

Über das Arbeitsamt macht er eine Umschulung zum Berufskraftfahrer. Das erste Praktikum im benachbarten Bredstedt verschafft ihm direkt eine neue Festanstellung. 15 weitere Jahre fährt Bendixen nun Bus. „Es hat sich angefühlt, als ob ich alles richtiggemacht hätte. Und es war auch alles gut. Bis bei einer Prüfung zur Verlängerung des Führerscheins festgestellt wurde, dass ich Diabetes habe.“

 

Die Kreisverwaltung will den Führerschein aufgrund der Erkrankung nicht verlängern. Bendixen reicht Klage ein, fährt ohne Probleme weiter Bus. Drei ärztliche Gutachten kommen zum selben Ergebnis: Ingwer Bendixen ist gesundheitlich in der Lage, als Busfahrer zu arbeiten.

 

Doch die Krankheit wird schlimmer, ab 2006 muss der dreifache Vater Insulin spritzen. Letztlich wird er krankgeschrieben und bezieht 18 Monate lang Krankengeld. „Es ging einfach nicht mehr, das war eine schlimme Zeit.“

 

Vom Krankengeld zum Arbeitsamt

Als das Krankengeld ausläuft, muss Bendixen zum Arbeitsamt. Die zuständige Mitarbeiterin schickt ihn zu einer Bildungsmaßnahme: Weitere 18 Monate sitzt er nun bei einem Bildungsträger und soll Bewerbungen schreiben. Täglich. Von 8 bis 16 Uhr. Wenn er über diese Zeit spricht, steigt Fassungslosigkeit in ihm auf. Bendixen: „Das muss man sich mal vorstellen. Jeden Tag saß ich acht Stunden da rum. Selbst bei Gerichtsterminen wollten die mich nicht ohne Weiteres gehen lassen. Das war untragbar, was dort mit den Menschen gemacht wurde!“

 

Nach dem Auslaufen des Arbeitslosengeldes dann der nächste Schlag: Ingwer Bendixen muss zum Schluss Arbeitslosengeld II, also Hartz IV, beantragen. Mit 60 stellt er einen Antrag auf vorzeitige Rente.

 

„Ich habe bis zu 14 Stunden am Tag gearbeitet“

Der Hintergrund ist, dass der Bordelumer sich zur Rente etwas hinzuverdienen möchte. Doch leider erfüllt sich dieser Wunsch nicht. „Alle meine früheren Kontakte, die mir immer gesagt hatten, ich könne dort im Alter als Aushilfsfahrer arbeiten, wollten davon nichts mehr wissen. So stand ich dann da mit 800 Euro Rente. Und das nach 43 Jahren Arbeit – oft habe ich bis zu 14 Stunden am Tag malocht.“

 

Durch die Anpassungen der letzten Jahre lebt Ingwer Bendixen heute von rund 850 Euro im Monat. „Wenn man mich früher einmal gefragt hätte, ob ich im Alter so leben würde … das hätte ich nicht für möglich gehalten.“ Leisten kann sich der Nordfriese nichts mehr, geht noch nicht einmal mit den Enkeln in die Stadt. „Ich könnte ihnen ja noch nicht einmal ein Eis kaufen. Jeder Cent, den ich zur Verfügung habe, ist verplant.“

 

Warum er sich an den Sozialverband gewandt hat, möchten wir von Ingwer Bendixen wissen. „Weil sich etwas ändern muss. Ich möchte, dass die Menschen in Deutschland wissen, dass so etwas jedem passieren kann.“ Ingwer Bendixen hat immer gearbeitet, verschiedene Schicksalsschläge überwunden. Bis er krank wurde.

 

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Der Sozialverband Deutschland hilft in sozialen Angelegenheiten. Wir vertreten unsere Mitglieder bis zum Sozialgericht, auch bei Auseinandersetzungen mit der Rentenversicherung.

 

10 Gedanken zu „850 Euro Rente für 43 Jahre Arbeit

  1. Altersarmut ist eine Schande für unser Land! Wer in die Renteversicherung einzahlt, muß auch eine den Lebensstandard sichernde Rente bekommen.
    Olaf Könemann Hamburg
    change.org/altersarmut

  2. Ich habe leider auch nicht mehr ,wurde durch einen Krankenhaus aufenthalt zum Vollrenter gemacht,
    ich bin jetzt 72 Jahre ,mir wurde eine Gewebentnahme gemacht dadurch wurde Diabethiker ,die antwort des Krankenhauses früher oder Später wäre ich sowieso Diabetiker geworden und es wäre zeit wenn jetzt endlich in Rente ginge ,meine frage wie soll man von 600 € Rente leben, das sei meine Sache , da die Einnahme die ausgaben nicht mehr deckten habe mein Geschäft geschlossen ,aber der Minijob war genauso ein mist jeden Monat musste ich streiten bis ich mein Lohn bekam, seine antwort ob ich jetz bei ihm arbeite oder daheim rumstehe ,wenn ich schon arbeite möchte ich auch lohn ,er hat mich dann fristlos entlassen weil ich nur an Geld decken würde, Jetzt bekomme ich Grundsicherung ,aber musste über jeden cent Rechenschaft abgeben und wollen wissen wenn du etwas unregelmäiges kauft woher du das Geld hast ,wir sind eben keine Minigraden ,bei denen wird nicht gefragt woher Sie das Geld für das Auto her haben,.

  3. Ich wurde auf meiner letzten Arbeitsstelle durch viele Schweißarbeiten, die ich rund 20 Jahre ohne Absauganlage ausgeführt habe, krank und habe mir in dieser die totbringende Krankheit COPD eingehandelt, würde deshalb 18 Monate krankgeschrieben und musste danach notgedrungen mit 63 schon meine Altersrente einreichen. Klagen wegen Anerkennung einer Berufskrankheit mit der BG wurden einmal nach Aktenlage von Sozialgerichte in Lübeck zu gunsten der BG abgelehnt und die
    Berufungsverhandlung die vor dem Sozialgerichte in Schleswig verhandelt wurde, wurde auch zu meinem Nachteil entschieden, auch dank der 2 Gutachter die nur pro BG (Berufsgenossenschaft) ihr Gutachten verfasst hatten.
    Was mich aber am meisten ärgert ist die Tatsache das ich jahrelang in dem Sozialverband VdK in Schleswig-Holstein Mitglied war und keine wirkliche Hilfe oder Unterstützung in dieser Angelegenheit bekommen habe, im Gegenteil. Die Sachbearbeiter haben sich nur gemeldet oder reagiert wenn ich diese angeschrieben oder angerufen habe. Aber die größte Enttäuschung habe ich bei meinem letzten Gerichitstermin vor dem Sozialgerichte in Schleswig erleben müssen. Meine Anwältin, eine Volljurustin mit Namen Todt, hat nur sage und schreibe, zwei oder drei Sätze gesagt und weiter keinen Kommentar oder der gleichen vorgebracht. Auch als der, angeblich neutrale und verteidigte Gutachter aus Kiel, der noch in der Pause mit der Vertretung der BG getuschelt hatte und ganz offensichtlich in seinem Gutachten die Unwahrheit über meine Erkrankung gesagt hatte, war keine Stellungnahme von meiner Anwältin zu hören.
    Heute ist meine Krankheit soweit fortgeschritten das ich das Stadium COPD GOLD 4 erreicht habe und täglich 24 Stunde 8 Liter Sauerstoff inhalieren muss. Das Ende wird keuder uneisweichlich der Erstickungstot sein.
    Meine Erfahrung hat mir gezeigt das es in Deutschland mit der Rechtsprechung nicht gut bestellt ist und wenn man sein Recht einklagen muss, sich lieber einen Fachanwalt nehmen sollte als sich auf eine Anwältin oder Anwalt zu verlassen die von dieser Materie keine Erfahrungen besitzen.
    Schönen Tag noch.

    1. Hallo Herr Ganske, es tut uns leid, dass Sie mit dem VdK (dem anderen Sozialverband in Deutschland) solch schlechte Erfahrungen gemacht haben. Ob der VdK mehr hätte rausholen können, vermögen wir nicht zu beantworten. Grundsätzlich ist die rechtliche Vertretung durch einen Sozialverband aber nicht schlechter als die eines Rechtsanwaltes.

      1. Guten Tag Herr Schultz,
        da muss ich Ihnen aber leider widersprechen.
        Ein Rechtsbeistand, auch wenn der für einen Sozialverband oder der gleichen seine Tätigkeit ausübt, muss doch ohne wenn und aber immer in der Lage sein, auch wenn sich der Rechtsstreit über 6 Jahre hinzieht, immer mit seinem Mandanten in Kontakt zu bleiben, was ich nun wirklich in meinem Fall überhaupt nicht behaupten kann, das Gegenteil war doch der Fall.
        Wie ich schon erwähnt hatte musste ich immer erst zum Stift oder zum Telefon greifen und mich immer auf diese Weise auf den neusten Stand bringen, derartige Gepflogenheiten kannte ich bis Dato noch nicht und kann daher aus dieser
        Erfahrung nur jeden Betroffenen davon abraten sich einem derart unfähigen Verein, der solche Mitarbeiter beschäftigt, anzuschließen oder aber sich bitte vorher, was ich leider nicht gemacht hatte, genau über den Verein und deren Arbeitsweise zu informieren.
        Herr Schultz, bitte verstehen Sie mich nicht falsch, ich möchte Ihnen auf keinen Fall zu nahe treten oder Ihnen eine derartige Unfähigkeit unterstellen, im Gegenteil, aber meine Erfahrungen über all die langen Jahre haben mir wieder einmal gezeigt das Recht haben und Recht bekommen hier in unserem Land sehr weit von der Realität entfernt sind.
        Ernsthaft erkrankte Arbeitnehmer die zum Beispiele von den
        Berufsgenossenschaften entschädigt werden sollten, und dann von den Sozialgerichten die ausgewählten „Neutralen Gutachter“ zugewiesen bekommen, die schon in der Vergangenheit für die Berufsgenossenschaften Gutachten erstellt haben und dann erneut von Sozialgerichten als „neutrale und vereidigte Gutachter“ angefordert werden und dann naturgemäß positive und „genehme Gutachten“ für die BG erstellen ist schon haarsträubend. Es ist dann auch kein Wunder das nur 10%, von all den ernsthaft verunglückten und erkranken Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer überhaupt nach jahrelangem Rechtsstreit übethaupt eine Entschädigung erhalten. Und das von einer staatlichen Behörde und Zwangsversicherung die einen Zwangsbeitrag von den Betrieben einfordert, der nach Bismarcks Einführung nur für verunglückte oder schwer erkrankte Arbeitnehmer geschaffen wurde damit die Betriebe nicht mehr von den einzelnen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer verklagt werden.
        Und was ist bis heute daraus geworden?
        Meiner Meinung nach haben sich die Berufsgenossenschaften durch ihre Zwangsbeiträge eine solide und immer funktionsfähige „Gelddruckmaschine“ geschaffen, aber sie wird nicht für Betroffene eingesetzt sondern nur für den eigenen Machterhalt dieser staatlichen Institution und ihren vielen gut bezahlten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.
        Ja Herr Schultz, so sieht die Wirklichkeit in unseren sogenannten Rechtsstaat aus,
        wer es sich also finanziel leisten kann hat große Chancen sein Recht einzukladen, aber wer kein gutes finanzielles Polster hat wird schon aus finanziellen Gründen den langen Weg des Rechtsstreits nicht bewältigen können und wenn doch, dann werden es naturgemäß einige Betroffene das Ende der langwierigen und aufreibenden Verhandlungen nicht mehr erleben, so sieht leider die bittere Wahrheit.
        Wenn Sie ehrlich sind, und davon gehe ich mal aus, dann haben Sie bestimmt auch schon ähnliche Erfahrungen mit den Sozialgerichten, den BG und andere Behörden erlebt, dieses wird sich aus meiner Sicht auch in Zukunft nicht mehr ändern, leider.
        Ich wünsche Ihnen und Ihren Mandantinen und Mandanten für die kommenden schweren und aufreibenden Gerichtsverhandlungen viel Erfolg alles Gute.
        MfG Emil Ganske

    2. Das sind Erfahrungen die ich auch mit anderen Verbänden gemacht habe, einschließlich Anwälte die nicht aufrichtig zu mir waren.
      Das Debakel reißt nicht ab, es durchzieht sich wie ein roter Faden durch alle Angelegenheiten im privaten wie beruflichen Bereich. Ich bin enttäuscht wie miserabel sich unser Sozialsystem in Deutschland entwickelt hat. Ob es jemals erträglich bessere Zeiten geben wird, sei dahingestellt, ich jedenfalls glaube nichtmal mehr an Wunder, es ist traumatisch allemal!

  4. Traurig ist es . Hänge mich nun mal weit aus dem Fenster!!! Irgend wo müssen die Rentner ja aus dem „Osten“ bezahlt werden die nicht in die Rentenkasse ein bezahlt haben!!! Und Merkels neue Fachkräfte müßen auch unterstützt werden um nicht davon zusprechen wie viele Junge Menschen dem Staat auf der Tasche liegen die nix einzahlen in die Rente. Trauriges Deutschland.

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