AltersarmutBehinderungGesundheitSozialberatung

Unfallrente und Erwerbsminderungsrente gleichzeitig?

Unfallrente und Erwerbsminderungsrente gleichzeitig

 

Wer schwer und dauerhaft erkrankt, kann eine Erwerbsminderungsrente beantragen. In der Regel ist diese nicht besonders hoch – im Jahr 2019 gerade einmal 805,63 Euro im Durchschnitt. Falls Ihre Erkrankung jedoch auf einen Unfall während der Arbeit oder eine Berufskrankheit zurückgeht, kommt möglicherweise auch eine Unfallrente in Frage.

 

Wenn Sie im Angestelltenverhältnis arbeiten, sind Sie automatisch in der Berufsgenossenschaft versichert. Welcher Anbieter für Sie zuständig ist, hängt von der jeweiligen Branche ab, in der Sie tätig sind. Warum dieser Hinweis so relevant ist? Eine Unfallrente kann deutlich höher ausfallen als die EM-Rente.

 

EM-Rente und Unfallrente – geht beides zusammen?

Die erste wichtige Information zum Merken: Ja, es ist möglich, dass Sie neben Ihrer Erwerbsminderungsrente auch eine Unfallrente beziehen. Bei richtig schweren Erkrankungen, die ihren Ausgangspunkt im Berufsleben haben, ist das sogar gar nicht so selten.

 

Die Frage, die sich hieran anschließt, lautet nun: Unter welchen Voraussetzungen können Sie beide Rentenarten nebeneinander erhalten?

 

Gibt es beide Renten in voller Höhe?

Das wäre aus Ihrer Perspektive der Idealfall. Sowohl Erwerbsminderungs– als auch Unfallrente in voller Höhe. Ohne dass beide Zahlungsströme miteinander verrechnet werden. Doch dieses Szenario tritt nicht immer ein.

 

Um beantworten zu können, ob Sie auf einen Teil des Geldes verzichten müssen, ist ein Blick auf den Zeitpunkt des Versicherungsfalles notwendig. Oder mit anderen Worten: Wann konnten Sie zuletzt Ihrem Beruf nachgehen bzw. an welchem Tag ereignete sich der Unfall? Wenn Sie zu diesem Zeitpunkt bereits eine Erwerbsminderungsrente erhalten haben, wird die Unfallrente nicht mit der EM-Rente verrechnet.

 

Falls Sie eine Rente aus einer privaten Unfallversicherung bekommen, wird diese ebenfalls nicht an die Erwerbsminderungsrente angerechnet.

 

Wann wird die Rente aus der Unfallversicherung bei der Erwerbsminderungsrente angerechnet?

Falls die Erwerbsminderungsrente erst zur Auszahlung kommt, wenn die Verletztenrente der Unfallkasse bereits läuft – der Versicherungsfall also vor dem Start der EM-Rente liegt – dann kann es zu einer Kürzung der Erwerbsminderungsrente kommen. Schauen wir uns das etwas genauer an.

 

Die Anrechnung einer Unfallrente läuft anders als ein Nebenjob. Falls Sie neben Ihrer Erwerbsminderungsrente etwas hinzuverdienen, zum Beispiel im Rahmen eines Minijobs, dürfen Sie pro Jahr 6300 Euro einstreichen. Zu einer Kürzung der EM-Rente kommt es erst, wenn Ihr Verdienst diese Grenze übersteigt.

 

Anders bei der Rente aus einer Unfallversicherung. Hier wird die EM-Rente gekürzt, wenn beide Renten zusammen einen bestimmten Wert übersteigen. Dieser Grenzwert wird im Gesetz wie folgt beschrieben:

 

„Der Grenzbetrag beträgt 70 vom Hundert eines Zwölftels des Jahresarbeitsverdienstes, der der Berechnung der Rente aus der Unfallversicherung zugrunde liegt, vervielfältigt mit dem jeweiligen Rentenartfaktor für persönliche Entgeltpunkte der allgemeinen Rentenversicherung“

§ 93 SGV Absatz 3 VI

 

Wer soll das verstehen? Dröseln wir das Ganze einmal langsam auf:

 

Der Jahresarbeitsverdienst ist hier tatsächlich individuell zu verstehen. Es handelt sich um Ihr Jahreseinkommen, bevor Sie aufgrund eines Arbeitsunfalles oder einer Berufskrankheit nicht mehr arbeiten konnten. Davon müssen wir den durchschnittlichen Monatsverdienst ermitteln. Relevant sind dann 70 Prozent dieses Monatseinkommens. Ein Bespiel:

 

Harry hat vor seinem Unfall 32.000 Euro im Jahr verdient. Ein Zwölftel davon sind 2666,67 Euro. 70 Prozent von 2666,67 Euro sind 1866,67 Euro.

 

Was aber ist der Rentenartfaktor aus dem Gesetzestext? Für die EM-Rente machen wir es uns ganz einfach: Bei einer vollen Erwerbsminderungsrente beträgt dieser Faktor 1. In diesem Fall verändert sich der Grenzbetrag also überhaupt nicht. 1866,67 Euro x 1 bleiben 1866,67 Euro. Bekommen Sie allerdings eine Rente wegen teilweiser Erwerbsminderung müssen wir mit einem Faktor von 0,5 arbeiten. In diesem Fall halbiert sich der Grenzbetrag auf 933,33 Euro.

 

Kommen wir zu unserem Beispiel zurück.

 

Harrys Erwerbsminderungsrente beträgt 765 Euro. Dazu zahlt ihm die Unfallkasse eine monatliche Rente in Höhe von 1200 Euro. Beide Renten zusammen bringen also 1965 Euro ein. Doch dieser Betrag liegt knapp über dem oben errechneten Grenzwert. Diesen müssen wir nun abziehen.

1965,00 Euro – 1866,67 Euro = 98,33 Euro.

Harrys EM-Rente wird in diesem Fall um 98,33 Euro gekürzt.

 

Bitte beachten Sie, dass wir an dieser Stelle ein stark vereinfachtes Beispiel bemühen. Normalerweise müsste für die Berechnung der Unfallrente noch ein weiterer Betrag abgezogen werden, mehr dazu hier. Da allerdings schon die Ermittlung des Grenzwertes unnötig komplex erscheint, haben wir uns entschlossen, diesen Aspekt in unserem Beispiel außen vor zu lassen.

 

Warum werden Unfall- und Erwerbsminderungsrente überhaupt miteinander verrechnet?

Diese Frage lässt sich wiederum sehr schnell und einfach beantworten. Der Gesetzgeber möchte mit dieser Regelung verhindern, dass Bürgerinnen und Bürger nach einem Unfall bzw. einer dauerhaften Erkrankung finanziell besser dastehen als während ihres aktiven Berufslebens. Auch aus Sicht des SoVD ist diese Argumentation nachzuvollziehen.

 

Fazit: Bekomme ich die EM-Rente in voller Höhe, wenn ich auch eine Unfallrente erhalte?

Zunächst ist zu klären, zu welchem Zeitpunkt der Versicherungsfall für die Unfallversicherung stattgefunden hat. Wenn Sie hier schon eine Rente wegen Erwerbsminderung erhalten haben, können Sie beide Renten in voller Höhe beziehen. Ist es bei Ihnen anders, geht das Rechnen los. Der Grenzwert setzt sich grob vereinfacht aus 70 Prozent Ihres Monatseinkommens zusammen. Wenn beide Renten zusammen höher ausfallen, wird Ihre Erwerbsminderungsrente gekürzt.

 

Der Sozialverband Schleswig-Holstein hilft in sozialen Fragen. Wir vertreten unsere Mitglieder bis zum Sozialgericht, zum Beispiel bei Problemen mit der Erwerbsminderungsrente oder dem Behindertenausweis.

 

Sie wollen regelmäßig über neue Beiträge in unserem Blog informiert werden? 

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.