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Welche Möglichkeiten gibt es, um zusätzlich in die gesetzliche Rentenversicherung einzuzahlen?

Titelbild - Wie zusätzlich in die gesetzliche Rente einzahlen

 

Gastbeitrag von „Rentenfuchs“ Maik Bäker *

 

Obwohl laut einer Umfrage des Deutschen Instituts für Altersvorsorge seit 2017 das Vertrauen in die gesetzliche Rente sinkt, entscheiden sich immer mehr Personen dafür, zusätzlich in die gesetzliche Rentenversicherung einzuzahlen. Ein möglicher Grund: In Zeiten von Niedrig-, Null- und Negativzinsen konnten in der gesetzlichen Rentenversicherung in den vergangenen Jahren vergleichsweise attraktive Renditen erzielt werden. So stiegen die West-Renten in den vergangenen zehn Jahren um insgesamt 21,5 % und die Ost-Renten sogar um 32,2 %.

 

Doch wer kann überhaupt zusätzlich in die gesetzliche Rentenversicherung einzahlen?

 

Ganz allgemein lässt sich sagen: Wer auf der Suche nach einer zusätzlichen Einzahlungsmöglichkeit ist, wird in den meisten Fällen auch fündig. Hier gibt es jedoch nicht den einen Weg. Vielmehr muss aus den vier nachfolgend dargestellten Optionen die für die individuelle Lebenssituation passende ausgewählt werden.

 

1. Die Zahlung freiwilliger Beiträge

Bis zum 31. März eines Jahres ist es möglich, für das gesamte Vorjahr sowie das laufende Jahr freiwillige Beiträge in die gesetzliche Rentenkasse einzuzahlen. Die Höhe der Einzahlung kann dabei frei festgelegt werden. Lediglich der monatliche Mindestbetrag von 83,70 € darf nicht unterschritten sowie der monatliche Höchstbetrag von 1.283,40 € (Stand: 2020) nicht überschritten werden.

 

Hier gibt es jedoch einen Haken: Wer als Arbeitnehmer oder Selbstständiger bereits monatlich Pflichtbeiträge an die gesetzliche Rentenversicherung abführt, ist von Vornherein von der Möglichkeit der freiwilligen Beitragszahlung ausgeschlossen. Von dieser Option können daher tatsächlich nur Hausfrauen und –männer, Beamte sowie Selbstständige, die nicht der Beitragspflicht in der Rentenversicherung unterliegen, Gebrauch machen.

 

Zur freiwilligen Beitragszahlung ist also in der Praxis nur ein kleiner Teil der deutschen Bevölkerung berechtigt. Es gibt aber noch drei andere Einzahlungsmöglichkeiten:

 

2. Die Nachzahlung für Schul- und Ausbildungszeiten

Die zweite Möglichkeit, die Nachzahlung für Schul- und Ausbildungszeiten, ist bis zum 45. Lebensjahr gestattet – dabei ist es egal, ob Sie angestellt oder selbstständig sind beziehungsweise überhaupt nicht arbeiten.

 

Konkret kann man für zwei Arten von Schul- und Studienzeiten nachzahlen:

 

Schulzeiten zwischen dem 16. und 17. Geburtstag

Ist man zwischen seinem 16. und 17. Geburtstag zur Schule gegangen, spielt diese Zeit in der Rentenversicherung eigentlich keine Rolle. Mit einer Ausnahme: Die Rentenversicherung erlaubt für diese zwölf Monate die Nachzahlung von Beiträgen.

 

Schulzeiten, die nicht als Anrechnungszeiten berücksichtigt werden

Abgesehen vom Zeitraum zwischen 16 und 17 ist eine Nachzahlung nur möglich, wenn Schul- oder Studienzeiten von der Rentenversicherung nicht als sogenannte Anrechnungszeit anerkannt werden. Dies ist dann der Fall, wenn man – gerechnet ab dem 17. Geburtstag – länger als acht Jahre zur Schule gegangen ist oder studiert hat. Denn die Rentenversicherung berücksichtigt als Anrechnungszeit maximal acht Jahre Schul- und Studienzeit. Für den darüber hinausgehenden Rest gibt es dann die Option der Beitragsnachzahlung.

 

Wie bei der freiwilligen Beitragszahlung sind auch bei der Nachzahlung für Schul- und Ausbildungszeiten die monatlichen Mindest- und Höchsteinzahlungsbeträge zu berücksichtigen. Innerhalb dieser Grenze kann man frei entscheiden, wie viel Geld man einzahlen möchte.

 

3. Die Ausgleichszahlung für Rentenabschläge

Wer sich erst nach seinem 45. Lebensjahr dafür entscheidet, zusätzlich in die Rentenversicherung einzuzahlen, braucht sich wegen der verpassten Möglichkeit nicht zu ärgern. Denn die meisten Personen können alternativ bereits ab 50 zusätzliche Einzahlungen leisten, um die mit einem vorgezogenen Rentenbeginn einhergehenden Rentenabschläge auszugleichen.

 

Einzige Voraussetzung: Wenn man einen Blick auf das Versicherungskonto wirft, muss es rein rechnerisch möglich sein, bis zum 63. Geburtstag die 35-jährige Mindestversicherungszeit  zu erfüllen. Da bei der 35-jährigen Mindestversicherungszeit nicht nur Beitragszeiten, sondern zum Beispiel auch Schulzeiten und Zeiten, in denen man Arbeitslosengeld I oder Arbeitslosgeld II erhalten hat, mitgezählt werden, ist die Erfüllung dieser Voraussetzung aber eher selten ein Problem.

 

Wie viel Geld über diesen Weg extra eingezahlt werden kann, hängt von der voraussichtlichen Rentenhöhe ab. Um den konkreten Einzahlungsbetrag in Erfahrung zu bringen, genügt es, den Antrag V0210 beim zuständigen Rentenversicherungsträger einzureichen.

 

V0210

 

Beim dann mitgeteilten Betrag handelt es sich übrigens um einen Maximalbetrag. Ob und in welcher Höhe man tatsächlich einzahlt, kann frei entschieden werden. Außerdem muss der Betrag nicht in einer Summe eingezahlt werden: Bis zum 63. Geburtstag sind pro Jahr zwei Ratenzahlungen möglich.

 

Mehr Fragen zur Ausgleichszahlung für Rentenabschläge? Hier gibt es Antworten: Rentenabzüge ausgleichen – Zusätzliche Einzahlung in die gesetzliche Rentenversicherung

 

4. Die Zahlung zum Ausgleich von Abschlägen durch einen Versorgungsausgleich

Sind die Voraussetzungen zur Einzahlung über die drei obigen Möglichkeiten nicht erfüllt oder wurden diese bereits ausgeschöpft, bleibt noch ein vierter Weg:

 

In Deutschland werden Jahr für Jahr ca. 150.000 Ehen geschieden. Für die gesetzliche Rentenversicherung hat dies zur Folge, dass ein sogenannter Versorgungsausgleich durchgeführt werden muss. Infolgedessen muss der Ehegatte, der während der Ehezeit mehr Rentenpunkte gesammelt hat, dem anderen Ehegatten Rentenanwartschaften abgeben. Diese Rentenanwartschaften kann man sich bei der Rentenversicherung bis zum Erreichen der Regelaltersgrenze zurückkaufen. Wie teuer dies ist, steht im Bescheid, mit dem die Rentenversicherung über die Durchführung des Versorgungsausgleichs informiert.

 

Doch lohnt sich eine solche Einzahlung überhaupt?

Nachdem wir uns nun die verschiedenen Einzahlungsmöglichkeiten angeschaut haben, stellt sich abschließend die Frage: Schön und gut – aber lohnt es sich überhaupt, mehr als nötig in die Rentenkasse einzuzahlen?

 

Eine allgemeingültige Antwort auf diese Frage gibt es nicht. Die Antwort hängt vielmehr von der individuellen Lebenssituation und von den persönlichen Ansprüchen an eine „Geldanlage“ ab. Insbesondere die Aspekte Steuern, Sozialversicherungsbeiträge und Anlage-Alternativen sollte man sich vor der Entscheidung für oder gegen die Einzahlung genauer ansehen.

 

Steuern und Sozialversicherungsbeiträge

In Bezug auf die steuerliche Situation muss beispielsweise berücksichtigt werden, dass die zusätzliche Einzahlung innerhalb der gesetzlichen Grenzen zwar steuerlich absetzbar ist, bei einer höheren Rentenzahlung im Alter aber unter Umständen auch höhere Steuern zu zahlen sind. Und nicht nur Steuern reduzieren die Brutto-Rente: Bei Personen, die gesetzlich krankenversichert sind, werden auch Beiträge zur Kranken- und Pflegeversicherung von der Rente abgezogen.

 

Zukünftige Rentenanpassungen und Anlage-Alternativen

Die „Rendite“ der Einzahlung ist daneben auch stark davon abhängig, wie hoch die Rentenanpassungen in den nächsten Jahren und Jahrzehnten ausfallen werden. Aufgrund der guten wirtschaftlichen Lage, der geringen Arbeitslosigkeit und den hohen Lohnsteigerungen sind die Rentenanpassungen zurzeit deutlich überdurchschnittlich. Doch welchen Einfluss wird es auf die Rentenanpassungen haben, wenn die Babyboomer in den nächsten Jahren ins Rentenalter kommen?

 

Doch selbst wenn man davon ausgeht, dass die Rentenanpassungen langfristig geringer ausfallen werden, kann sich eine zusätzliche Einzahlung in die Rentenkasse noch lohnen – nämlich dann, wenn bei den Anlage-Alternativen noch geringere Renditen zu erwarten sind.

 

Diese Punkte lassen sich mal besser, mal schlechter prognostizieren. Daher ist es ratsam, sich vor der endgültigen Entscheidung qualifizierte Beratung einzuholen – sei es bei den Auskunfts- und Beratungsstellen der Deutschen Rentenversicherung, den Verbraucherzentralen oder auch den Sozialverbänden.

 

* Über den Autor

Seit 2017 betreibt Maik Bäker den Blog www.rentenfuchs.info und schreibt über aktuelle Entwicklungen in der Sozialpolitik, über Rentenplanung und Altersvorsorge sowie alles Wissenswerte im Recht der gesetzlichen Rentenversicherung. Noch mehr Rententipps gibt es auf seinem YouTube-Kanal.

 

Der Sozialverband Deutschland hilft in sozialen Angelegenheiten. Wir vertreten unsere Mitglieder bis zum Sozialgericht, unter anderem bei Auseinandersetzungen rund um das Thema Rente und Behinderung.

 

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