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Nach dem Krankengeld - Arbeitsagentur oder Jobcenter?

Aktuelles Gesundheit

Nach spätestens 78 Wochen Krankengeld steht die sogenannte "Aussteuerung" an. Das bedeutet: Jetzt bekommen Sie kein Krankengeld mehr. Doch Miete, Versicherungen und Nahrungsmittel müssen weiterhin bezahlt werden. Von wem bekommen Sie jetzt das nötige Geld?

Nach dem Krankengeld: Arbeitsagentur oder Jobcenter?

Wer richtig lange krank ist, hat bereits genug Probleme. Viele Menschen laufen von Arzt zu Arzt - in der Hoffnung, schnellstmöglich wieder auf die Beine zu kommen. Wenn jetzt auch noch Ärger mit der Krankenkasse dazukommt, ist Holland richtig in Not. Doch eines ist sicher: Spätestens nach 78 Wochen Krankengeld muss Ihre Krankenversicherung nicht mehr zahlen. Man spricht an dieser Stelle von Aussteuerung.

Geld gibt es jetzt nicht mehr. Sie müssen sich sogar um Krankenversicherungsschutz kümmern. Daher lautet die wichtige Frage:  An wen wenden Sie sich in dieser brenzligen Situation?

Nach dem Krankengeld zum Arbeitsamt

"Zum Arbeitsamt", heißt es landläufig, wenn das Krankengeld ausgelaufen ist. Aber hier müssen wir konkreter werden. Denn unter dem eigentlich falschen Begiff "Arbeitsamt" verstehen viele Menschen unterschiedliche Behörden. Seit fast 20 Jahren gibt es in Deutschland sowohl die Arbeitsagentur als auch das Jobcenter. In unserer Situation - unmittelbar vor dem Ende des Krankengeldes - melden Sie sich bitte bei der Arbeitsagentur. Ungefähr zwei Monate vor der Aussteuerung.

In der Praxis macht die Unterscheidung zwischen Arbeitsagentur (AA) und Jobcenter einen gewaltigen Unterschied für Sie persönlich.

Arbeitslosengeld I

Denn nur in der Arbeitsagentur erhalten Sie das Arbeitslosengeld I. Hierbei handelt es sich um eine Versicherungsleistung. Diese gibt es nur, wenn Sie zuvor eingezahlt haben. Wie lange und wie viel, das hängt davon ab, wie alt Sie sind und wie viel Sie in den letzten Monaten verdient haben.

Mit anderen Worten: Wer vorher einen gut bezahlten Job hatte und ein entsprechendes Alter erreicht hat, landet im Arbeitslosengeld relativ weich. Zumindest in Relation zum "Hartz IV".

Arbeitslosengeld II

Offizieller Titel dieser Bezeichnung ist die Grundsicherung für Arbeitsuchende, oder das Arbeitslosengeld II. Geläufiger ist aber sicherlich der Ausdruck "Hartz IV".

Hier spielt es überhaupt keine Rolle, was Sie vorher verdient haben oder wie alt Sie sind. Beim "Hartz IV" bekommen alle das gleiche. Einen Regelsatz - aktuell beträgt dieser für Alleinstehende 449 Euro - und einen Zuschuss für die Miete. Bis zu einer lokal auszuhandelnden Deckelung wird die Miete (samt Heizung) komplett übernommen.

Trotzdem werden Sie im Jobcenter mit hoher Wahrscheinlichkeit deutlich schlechter wegkommen als in der Arbeitsagentur. Deswegen gilt: Wenn bei Ihnen bald das Krankengeld auszulaufen droht, melden Sie sich bitte bei der Arbeitsagentur. Nicht im Jobcenter. Und lassen Sie sich auch nicht wegschicken.

Nach der Aussteuerung ALG I

Leider knicken viele Menschen ein, wenn ihnen bei der Arbeitsagentur gesagt wird, sie gehörten ins Jobcenter. Das ist der recht komplexen Situation geschuldet. Denn bei der Arbeitsagentur gibt es zwei Tore, durch die Sie gehen können, um ALG I zu erhalten. Die einfache Tür führt über die Nahtlosigkeitsregelung. Hier wird über den ärztlichen Dienst der Behörde entschieden, dass Sie wohl auch noch in den kommenden sechs Monaten krank sein werden - und es gibt erst einmal Arbeitslosengeld. Währenddessen wird in der Regel über die Rentenversicherung geprüft, ob Sie nicht besser in der EM-Rente aufgehoben sind.

Zur Nahtlosigkeitsregelung haben wir zahlreiche Beiträge veröffentlicht - schauen Sie für den Beginn am besten einmal hier vorbei.

Die zweite Tür ist eine Grauzone. Denn wenn bei Ihnen nicht die Nahtlosigkeitsregelung angewandt wird, müssen Sie einen Trick anwenden, um an Ihr Geld zu kommen. Sie müssen die magischen Worte sprechen: "Ich stelle mich dem Arbeitsmarkt im Rahmen meiner Möglichkeiten zur Verfügung, und zwar in Vollzeit."

Lassen Sie diesen Satz erst einmal sacken. Zum Hintergrund: Sie sind seit mehr als anderthalb Jahren krank. Vielleicht haben Sie auch noch einen Job. Trotzdem: Wenn die Nahtlosigkeit nicht greift, gibt es nur ALG I, wenn Sie dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen. Und zahlreiche Menschen, die wir in unserer Beratung kennenlernen, scheitern an genau diesem Schritt.

Egal, wie absurd sich diese Situation anfühlen mag: Im Moment ist nur wichtig, dass Sie Ihr Geld erhalten. Daher - das sinnlose Gefühl hinunterschlucken und die oben genannte Zauberformel nennen. Dann bekommen Sie auch Ihr Arbeitslosengeld.


Fazit

Die rechtlichen Regeln rund um das Ende des Krankengeldes sind unüberschaubar. Außerdem kommen die Mitarbeiter in der Arbeitsagentur nicht immer ihrem Beratungsauftrag nach. Genau aus diesem Grund empfehlen wir Ihnen eine individuelle Beratung. Damit Sie sich voll und ganz auf Ihre Gesundheit konzentrieren können und kein Geld verlieren.


Kommentare (9)

  • user
    Martin
    am 25.05.2022

    Moin zusammen,

    ich bin nun 60 Jahre alt und werde zum Juni 2022 aus dem Krankengeld ausgesteuert (1,5 Jahre arbeitsunfähig). Die Krankenkasse hatte mich zum Antrag auf med. Reha verpflichtet und die Rentenversicherung lehnte ab. Begründung: aufgrund der dort vorliegenden Unterlagen sei eine Besserung meines Gesundheitszustandes nicht mehr zu erwarten. Ich habe keine Ahnung, welche Unterlagen bei der RV liegen, denn bei Haus- und Facharzt wurde nichts angefordert. Lt. Rentenversicherung soll ich einen Rentenantrag stellen. Ich habe jetzt erst einmal einen Antrag auf ALG 1 gestellt, damit ich Lebensunterhalt bekomme. Dort hat man mir gesagt, es werde erst ein Gutachten nach Aktenlage erstellt bei Ärztl. Dienst. Wahrscheinlich laufe es auf einen Nahtlosigkeitsantrag hinaus. Kann man ggf. einordnen, auf was ich mich bei der Rentenversicherung einstellen muss? Vollrente, Teilrente oder ggf. auch Ablehnung? (Ich traue denen alles zu ...). Diagnostisch handelt es sich um hochgradige Spinalkanalstenosen in der LWS und der HWS, sowie zusätzlich einer Fibromyalgie (also chron. Schmerzen seit 30 Jahren) und psychischer Begleitsyptomatik, evtl. auch PTBS.

    Vielen Dank für eine Antwort!

    • user
      Christian Schultz
      am 25.05.2022

      Hallo Martin, wie das Verfahren bei der Deutschen Rentenversicherung ausgehen wird, kann man ohne Arztberichte nicht seriös voraussehen. Falls die EM-Rente allerdings abgelehnt wird, müssen Sie sich darauf einstellen, dass Sie sich - zumindest theoretisch - dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stellen müssen, um weiter ALG I zu erhalten. Mehr dazu hier: https://www.sovd-sh.de/aktuelles/meldung/krankmeldung-nach-dem-krankengeld

  • user
    Josef Zeitler
    am 22.05.2022

    Hallo. Ich habe bei der Arge die nahtlosigkeit bekommen, und dann habe ich die Vollerwerbsminderungsrente beantragt. Diese wurde abgelehnt und ich gehe in den Wiederspruch.

    Nun habe ich eine Frage. Ich muss mich ja wieder bei der Arge vorstellen und als voll vermittelbar einstufen lassen. Sehe ich das richtig, oder gilt nach über 10 Monaten noch immer die Nahtlosigkeits Feststellung der Arge?

    Bitte geben Sie mir baldmöglichst eine Antwort.

    Mit freundlichen Grüßen

    Josef Zeitler

    • user
      Christian Schultz
      am 23.05.2022

      Hallo Josef, in der Regel endet mit der Ablehnung der EM-Rente auch die Nahtlosigkeitsregelung. In der Regel, vermutlich also auch in Ihrem Fall. Wenn es hier Probleme gibt, sollten Sie sich schnellstmöglich beraten lassen.

  • user
    Marc
    am 22.05.2022

    Guten Tag Herr Schultz,

    ich bin vom 02.07.2020 bis zum 31.01.2021 wegen Burnout/Depressionen krankgeschrieben gewesen.

    Zum 31.01.2021 habe ich meinen Job mit Zustimmung meines Hausarztes gekündigt und war danach arbeitslos gemeldet. Habe also Arbeitslosengeld bezogen und kein Krankengeld.

    Seit dem 09.08.2021 bin erneut bis aktuell krankgeschrieben (Soziale Phobie).

    Meine Frage: Hat für mich mit der Krankschreibung ab dem 09.08.2021 eine neuer 78-Wochen-Zeitraum angefangen oder werden beide Krankheits-Zeiträume zusammengerechnet? Falls eine Zusammenrechnung erfolgt würde mein 78 Wochen Krankengeldanspruch bald enden.

    Ich habe seitens der Krankenkasse allerdings noch nichts von einer Aussteuerung gehört. Sollte ich mich dort erkundigen oder lieber keine schlafenden Hunde wecken?

    Vielen Danke

    Marc

    • user
      Christian Schultz
      am 23.05.2022

      Hallo Marc, es ist gut möglich, dass die Krankenkasse hier einen Zusammenhang sieht. Wie das aber konkret in Ihrem Fall ausschaut, können wir ohne Einsicht in die Unterlagen nicht sagen. Normalerweise meldet sich die Kasse rund zwei Monate vor der Aussteuerung mit einem Brief bei Ihnen. Das ist aber nicht immer so: https://www.sovd-sh.de/aktuelles/meldung/aussteuerung-wann-zum-arbeitsamt

  • user
    Sabrina Groth
    am 20.05.2022

    Hallo, ich habe einen Antrag auf Erwerbsminderunsrente beantragt. Würde abgelehnt. Widerspruch eingelegt abgelehnt. Nun will ich klagen

    Ich bin da bloß nicht sicher ob ich machen soll, wegen finanziell. Man sagte mir so eine Klage kann bis zu zwei Jahre dauern. Da ich schon ein Jahr Krankengeld bekomme Frage ich mich , wie es dann finanziell weiter geht. Gut ein Jahr Arbeitslosen Geld , und danach.

    Es wäre nett wenn sie mir eine Antwort senden könnten. Danke

    Grüße

    Sabrina Groth

    • user
      Christian Schultz
      am 20.05.2022

      Hallo Sabrina, wenn Ihr Antrag auf EM-Rente berechtigt ist, sollten Sie auch klagen. Gerade wenn Sie in naher Zukunft noch keine Altersrente beziehen können. Lassen Sie sich hierzu am besten von meinen Kollegen beraten: https://www.sovd-sh.de/beratung/sozialberatung/informationen

    • user
      Hans-Jörg Kaßner
      am 25.05.2022

      Hallo und guten Tag, ich empfehle Ihnen die Klage vor dem Sozialgericht. Da Sie bereits Krankengeld und Arbeitslosengeld erhalten haben (Höhe des einzusetzenden Einkommens und Freibeträge) besteht die Möglichkeit Prozesskostenhilfe zu beantragen.

      Ausserdem wäre noch zu prüfen, ob eine Rehabilitation zum Antrag auf EU Rente geführt hat. Bis zur Genehmigung der EU dürften weiter Sozialeistungen gezahlt werden. Ein Fachanwalt für Sozialrecht hat da mehr Möglichkeiten. Viele Erfolg J.K.

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