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Zwangsverrentung durch Arbeitsamt oder Jobcenter – dürfen die das?

Zwangsverrentung durch Arbeitsamt oder Jobcenter - dürfen die das?

 

Immer gearbeitet, dann machte die Firma zu. So wie Rainer W. aus Kiel geht es leider vielen Menschen in Deutschland. Mit 55 meldete sein Betrieb Insolvenz an. Es folgte ein Jahr in einer Auffanggesellschaft und im Anschluss das Arbeitslosengeld. Am Ende stand mit 58 Jahren „Hartz IV“.

 

Schlimm genug. Doch immerhin konnte sich Rainer damit trösten, im Laufe seines Berufslebens ein stattliches Rentenkonto aufgebaut zu haben. Mit Jahrgang 1956 würde er mit 65 Jahren und zehn Monaten in die Altersrente wechseln – bei Erreichen der Regelaltersgrenze und damit ohne Abschläge. Was er dann im Jobcenter erleben musste, riss Rainer jedoch den Boden unter den Füßen weg.

 

Ihre persönliche Regelaltersgrenze

 

Jobcenter zwingt Empfänger von Arbeitslosengeld II in die Rente

Wie es denn mit Rente aussehe, wollte die Arbeitsvermittlerin eines Tages wissen. Rainer nannte ihr seine persönliche Regelaltersgrenze und dachte, damit sei das Thema erledigt. Leider nicht für das Jobcenter: „Hartz-IV-Empfänger“ müssten vorrangig andere Sozialleistungen in Anspruch nehmen, hieß es. Da Rainer laut Rentenauskunft 35 Versicherungsjahre vorzuweisen habe, solle er doch bitte einen Antrag zur Altersrente für langjährig Versicherte stellen.

 

Zu diesem Zeitpunkt stand Rainer kurz vor seinem 63. Geburtstag. Schauen wir uns die Hintergründe einmal genauer an:

 

Darf das Jobcenter mich zwingen, früher in Rente zu gehen?

Die ungeschminkte Wahrheit? Ja, sobald Sie das 63. Lebensjahr vollendet haben. Es gibt drei Formen der vorgezogenen Altersrente – nach 35 oder 45 Versicherungsjahren sowie die Rente für schwerbehinderte Menschen. Alle drei Varianten bieten die Möglichkeit, deutlich vor dem Erreichen der Regelaltersgrenze aus dem Berufsleben auszusteigen. Wenn Sie Arbeitslosengeld II erhalten und die jeweiligen Voraussetzungen erfüllen, hat das Jobcenter die rechtliche Handhabe, Sie zum Antrag zu drängen.

 

Bei der Altersrente für besonders langjährig Versicherte wäre das kein Problem, denn hier gehen Sie nach 45 Versicherungsjahren abschlagsfrei in Rente – sofern Sie das für Ihren Jahrgang maßgebliche Alter erreicht haben. Auch die Option für schwerbehinderte Menschen kann für Sie glimpflich verlaufen, denn hier können Sie ab einem Grad der Behinderung (GdB) von 50 Ihre Altersbezüge zwei Jahre vor der Regelaltersrente voll ausschöpfen.

 

Altersrente für schwerbehinderte Menschen - mit und ohne Abschlag

 

Wenn Sie noch früher aus dem Erwerbsleben ausscheiden (müssen), bedeutet jeder Monat einen Abschlag auf Ihre Rente von 0,3 Prozent – bei drei Jahren also maximal 10,8 Prozent.

 

Für Empfänger von Arbeitslosengeld II stellt insbesondere die Altersrente nach 35 Versicherungsjahren ein Problem dar. Wenn das Jobcenter Sie auffordert, mit 63 in die Rente zu wechseln, können Sie sich dem nicht komplett entziehen. Erfüllen Sie alle rechtlichen Voraussetzungen, sind Sie zum Rentenantrag verpflichtet.  Kommen wir zurück zu unserem Beispiel: Rainer aus Kiel wurde 1956 geboren. Nimmt er (gezwungenermaßen) die Altersrente für besonders langjährig Versicherte in Anspruch, verzichtet er auf 10,2 Prozent seiner Rente. Und zwar für immer.

 

Altersrente für langjährig Versicherte - Abschläge bei der Rente mit 63 nach Jahrgang

 

Gibt es Ausnahmen bei der Zwangsverrentung?

Allerdings, diese sind in der sogenannten „Unbilligkeitsverordnung“ festgehalten. Demnach kann das Jobcenter Sie nicht vorzeitig in Rente schicken, wenn:

 

  • Sie nur aufstockend „Hartz IV“ bekommen. Besteht außerdem ein Anspruch auf Arbeitslosengeld, sind dem Jobcenter die Hände gebunden.
  • Sie innerhalb der nächsten drei Monate eine Rente ohne Abschläge in Anspruch nehmen könnten.
  • die vorgezogene Altersrente so niedrig wäre, dass Sie aufstockend Grundsicherung nach dem SGB XII beziehen müssten.

 

Falls Sie dem Jobcenter versichern können, dass Sie demnächst einen Job aufnehmen werden, bei dem Sie mehr als 450 Euro verdienen – bei wenigstens 15 Wochenstunden – sind Sie ebenfalls vor der Zwangsverrentung geschützt.

 

Und die Bundesagentur für Arbeit? Kann ich mit laufendem Arbeitslosengeld zur Rente gezwungen werden?

Nein, solange Sie einen Anspruch auf Arbeitslosengeld I haben, wird niemand von Ihnen verlangen, eine vorgezogene Altersrente zu beantragen. Selbst wenn das Arbeitslosengeld so niedrig ist, dass Sie zusätzlich auf „Hartz IV“ angewiesen sind – das Arbeitsamt hat keine Handhabe, Sie vorzeitig in die Rente zu schicken.

 

Der Sozialverband Deutschland vertritt in Schleswig-Holstein mehr als 150.000 Mitglieder. Wir helfen in sozialen Angelegenheiten, etwa bei Problemen mit der Rente oder rund um das Thema Behinderung.

 

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15 Gedanken zu „Zwangsverrentung durch Arbeitsamt oder Jobcenter – dürfen die das?

  1. Hallo
    Besteht die Möglichkeit bei der Agentur für Arbeit eine verlängerung um 3 Monate zu erreichen um Abschlagsfrei in Rente gehen zu können?

  2. Hallo. Was passiert wenn man gesagt bekommt man soll in Rente gehen und der Renteantrag wird mehrmals abgelehnt. Das Jobcenter versteht aber darauf. Droht sogar mit Kürzung der Stütze.

  3. Ich werde jetzt 60 Jahre alt und bekomme ab April Arbeitslosengeld für zwei Jahre arber wieviel Rente würde ich bekommen, ich binn schon weit über den pflichtbeitrag von 35 jahren.

  4. Kann auch das Sozialamt vorzeitig in Rente schicken? Oder gibt es wie auch beim Jobcenter die Regel, erst ab 63, dann aber auch mit Abschlägen. Mit einem GdB wäre das dann frühestens wann?

    1. Hallo Christian, beziehen Sie zurzeit Grundsicherung wegen Erwerbsminderung? Auch das Jobcenter darf Sie nur „zwangsverrenten“, wenn Sie mit der Altersrente ohne Grundsicherung auskämen. Das sollte auch für das Sozialamt gelten.

  5. Das Amt will mich zwangsverrenten weil ich 63 bin und Harz 4 beziehe.Kann ich noch Erwerbsunfähigkeitsrente beantragen weil festgestellt wurde das ich große Probleme habe mit meiner Gesundheit .?

  6. bin 62 jahre und im vorruhenstand, habe 46 jahre gearbeitet, und werde noch ein jahr von meinen arbeitgeber mit 75 % gehalt bezahlt dann muss ich mich arbeitslos melden, habe dann 48 jahre in die rentenkasse eingezahlt, kann ich dann mit 64 jahren abschlag frei in rente gehen. danke

  7. Hallo, wenn ich das alles lese welche Sorgen alle haben bin ich entsetzt. In diesem reichen Land wo unsere Politiker Pensionen bekommen die keiner mit normaler Arbeit erreichen kann ist es traurig welche Sorgen sich alle machen müssen. Was für Sorgen haben erst die, die wenig verdient haben und in die Altersarmut stürzen. Schafft endlich die hohen Pensionen für Politiker und Beamte ab. ich war 12 Jahre Soldat und wurde für meine Dienstzeit nachversichert, dass sollte auch für Pensionen gelten. Bei der Rente gibt es eine Obergrenze, die muss es auch für Pensionen geben. Jeder sollte doch für eine Zusatzrente was zur Seite legen, warum nicht unsere Politiker? Wofür brauchen wir so viele Beamte und Politiker? Also liebe Pensionsempfänger wie Politiker, denkt mal drüber nach ob ihr unser Rentenalter immer weiter nach oben setzen wollt oder ihr euch auch mal selbst um euer Auskommen im Alter kümmert.

    Gruß

    Andreas

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