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Nach Aussteuerung: Wer bekommt jetzt die Krankmeldung?

Nach Aussteuerung: Wer bekommt jetzt die Krankmeldung?

 

Das durchschnittliche Mitglied im Sozialverband – zumindest bei uns in Schleswig-Holstein –  ist etwa 62 Jahre alt. Diejenigen, die zum ersten Mal unsere Sozialberatung aufsuchen, sind jedoch im Regelfall deutlich jünger, oft Ende 40 oder in den frühen 50ern. Warum? Weil das bei vielen Menschen das Alter ist, in dem man zum ersten Mal richtig krank wird. Und zwar dauerhaft. Neben den gravierenden gesundheitlichen Problemen kommen dann oft noch Schwierigkeiten mit der Krankenkasse oder anderen Sozialleistungsträgern hinzu. An dieser Stelle kann der Sozialverband helfen.

 

Wenn Sie länger als sechs Wochen krank sind, zahlt der Chef kein Geld mehr. Dafür gibt es dann Krankengeld. Welche Hindernisse während dieser Phase auf Sie warten können, haben wir in diversen Beiträgen vorgestellt – etwa für den Fall, dass die Krankenkasse Sie zu einer Reha auffordert. Doch selbst wenn Sie ohne großen Ärger durch das Krankengeld kommen: Spätestens nach 78 Wochen ist Schluss, Sie werden „ausgesteuert“.

 

Was heißt Aussteuerung?

Das bedeutet, dass Sie nun kein Krankengeld mehr bekommen. Die Krankenkasse muss nicht mehr zahlen. Wie Sie in Zukunft Ihren Lebensunterhalt bestreiten, ist jetzt nicht mehr Sache der Kasse. In vielen Fällen bietet es sich nun an, Arbeitslosengeld zu beantragen – dazu mehr in diesem Beitrag. Doch wie verhalte ich mich, wenn mein Arzt mich weiterhin krankschreibt?

 

Auch nach der Aussteuerung sollten Sie die Krankmeldung nicht gleich vernichten – via GIPHY

 

Nach dem Krankengeld – was passiert mit der Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung?

Bis zum Ende des Krankengeldes war es für Sie Routine, Ihre Krankmeldung sowohl beim Arbeitgeber als auch bei der Krankenversicherung einzureichen. Mit der Aussteuerung ändern sich die Voraussetzungen. Wenn Sie fortan zum Arzt gehen und dieser eine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung (AUB) ausstellt, sollten Sie diese in jedem Fall im eigenen Haushalt archivieren. Wann weiß nie, wofür ältere Dokumente noch gebraucht werden.

 

Darüber hinaus kommen drei Anlaufstellen in Frage, die möglicherweise ein Interesse an Ihrer Krankmeldung haben: Ihre Krankenkasse, die Bundesagentur für Arbeit und Ihr Arbeitgeber. Beginnen wir mit Ihrem Chef.

 

1. Der Arbeitgeber

Auch wenn Sie nun aufgrund Ihrer Erkrankung seit mehr als anderthalb Jahren nicht mehr arbeiten konnten – Sie haben nach wie vor einen Vertrag mit Ihrer alten Firma. Solange niemand eine Kündigung ausgesprochen hat, ist Ihr Vertrag noch gültig. Auch wenn die Firma Ihnen kein Gehalt mehr überweist. Aus der Perspektive des Arbeitsrechts kann Ihr Unternehmen also von Ihnen verlangen, dass Sie Ihre Krankmeldungen weiterhin einreichen.

 

In der Praxis wird dieser Punkt allerdings sehr unterschiedlich behandelt. Die meisten Firmen verlieren im Laufe einer langen Erkrankung das Interesse. In der Folge ist es oftmals nicht nötig, die AUB beim Chef abzugeben. Das sollten Sie aber unbedingt in Erfahrung bringen. Heißt: Um die Frage zu beantworten, ob Sie Ihre Krankmeldung nach der Aussteuerung auch dem Arbeitgeber zur Verfügung stellen müssen, hilft ein kurzer Anruf in der Personalabteilung.

 

2. Die Krankenkasse

Sobald die Kasse kein Krankengeld mehr überweist, ist es nicht mehr notwendig, dort weitere Krankmeldungen abzugeben. Es schadet aber auch nichts. Wie Sie den weiteren Kontakt mit der Krankenversicherung in dieser Frage gestalten möchten, entscheiden Sie also tatsächlich selbst.

 

— Wer selbst einen Blick in die recht komplexen Regularien riskieren möchte, sollte sich die Arbeitsunfähigkeits-Richtlinien anschauen —

 

3. Bundesagentur für Arbeit

Die spannende und höchst brisante Frage lautet tatsächlich: Bekommt das Arbeitsamt meinen gelben Schein, wenn ich nach der Aussteuerung krankgeschrieben werde? An dieser Stelle empfehlen wir ganz klar: Lassen Sie die Arbeitsagentur bitte nicht wissen, dass Sie krankgeschrieben sind.

 

Warum? Im bereits oben verlinkten Artikel über die Aussteuerung wird deutlich, dass es beim Bezug von Arbeitslosengeld enorm wichtig ist, dass Sie dem Arbeitsmarkt überhaupt zur Verfügung stehen. Falls Sie nach dem Krankengeld beim Arbeitsamt auftauchen und sagen, dass Sie krank sind, gibt es in der Regel kein Geld. Dieses Szenario müssen Sie unbedingt verhindern. Die magische Formel lautet, dass Sie sich „im Rahmen Ihrer Möglichkeiten dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stellen“. Nur dann bewilligt das Amt Ihr Arbeitslosengeld.

 

Wenn Sie nun erfolgreich Arbeitslosengeld beantragt haben und dem Amt eine Krankmeldung nach der anderen ins Haus flattert, bringen Sie sich finanziell in Gefahr. Dann droht das vorzeitige Ende Ihres Arbeitslosengeldes. Vor diesem Hintergrund sollten Sie über neue Arbeitsunfähigkeitsbescheinigungen Stillschweigen bewahren – zumindest gegenüber dem Arbeitsamt.

 

Fazit

Wer nach 78 Wochen Krankengeld zum Arbeitsamt geht, um dort Leistungen zu beziehen, muss auf der Hut sein. Natürlich können Sie weiterhin zum Arzt gehen. Es ist auch nicht schlimm, wenn Sie krankgeschrieben werden. Legen Sie die gelben Scheine allerdings nicht der Arbeitsbehörde vor. Offiziell gelten Sie schließlich als vermittelbar. Und das ist die Voraussetzung für den weiteren Bezug von Arbeitslosengeld.

 

Anders verhält es sich, wenn Sie nach dem Ende des Krankengeldes im Rahmen der sogenannten „Nahtlosigkeitsregelung“ Arbeitslosengeld beziehen.

 

Der Sozialverband Deutschland hilft in sozialen Angelegenheiten. Wir vertreten unsere Mitglieder bis zum Sozialgericht, unter anderem bei Auseinandersetzungen rund um das Thema Behinderung.

 

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12 Gedanken zu „Nach Aussteuerung: Wer bekommt jetzt die Krankmeldung?

  1. Gibt es die Möglichkeit bei Mobbing zu unterstützen? Krank durch Mobbing, Ausgrenzung und unsozialen Arbeitsbedingungen ist eine heftige Sache, insbesondere wenn man bis dahin gesund und leistungsfähig ist? Gilt da § 823 u.a.?
    Danke Jenny

    1. Hallo Jenny, der Sozialverband darf seine Mitglieder leider nur in sozialrechtlichen Fragen unterstützen. Beim Thema Mobbing gibt es andere Anlaufstellen, im Notfall ein Anwalt für Arbeitsrecht. Doch auch viele Gewerkschaften beraten ihre Mitglieder in dieser Frage.

  2. Dem stimme ich nicht hundertprozentig zu. Es gibt nämlich im SGB III einen oft übersehenen Paragraphen, der für viele wichtig sein kann. Das ist der § 145.
    In dessen Absatz 1 wird beschrieben, dass auch bei Krankheit ein Anspruch auf Arbeitslosengeld besteht. Die erkrankte Person wird dann von der Arbeitsagentur dazu aufgefordert, einen Reha-Antrag und/oder einen Antrag auf Erwerbsminderungsrente zu stellen (Absatz 2). Und in der Übergangszeit, bis die Rentenversicherung darüber entschieden hat, wird Arbeitslosengeld gezahlt.
    Nur zur Info: falls der Reha-Antrag nicht genehmigt werden kann, wird er als EM-Rentenantrag umgewidmet. Das passiert auch nach erfolgter (oder abgebrochener Reha) wenn die Reha nicht zum gewünschten Erfolg führt, also die erkrankte Person nicht mehr arbeitsfähig ist,

    Dies ist eine Sonderform des Arbeitslosengeldes und daher häufig unbekannt.

  3. Lieber Herr Schultz, vielen Dank für den Tipp zu diesem Artikel. Dennoch bleibt die Frage: bin ich nach der Aussteuerung und weiter andauerder Erkrankung (Nahtlosigkeits ALg wird gezahlt und Rentenantrag auf EU-Rente gestellt) verpflichtet mir von meiner Ärztin weiterhin regelmäßig eine AU ausstellen zu lassen oder kann ich auf das Ausstellen von AUs verzichten (ich war freiberuflich, es gibt keinen Arbeitgeber)? Vielen Dank und herzlichen Gruß!

    1. Hallo Mona, die Beantwortung dieser Frage hängt immer von mehreren Faktoren ab. Wenn es zum Beispiel darum geht, irgendwann noch einmal für dieselbe Erkrankung Krankengeld zu erhalten, kann eine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung sogar negative Auswirkungen haben. Aus der Perspektive des Rentenantrags wiederum macht es intuitiv mehr Sinn, weiterhin im Kontakt zum behandelnden Arzt zu stehen. Daher kann ich Ihnen nicht den einen Königsweg nennen. Ich empfehle Ihnen in jedem Fall eine individuelle Beratung.

  4. Dass Sie zur Nahtlosigkeitsregelung einen separaten Artikel veröffentlicht haben, macht den oben deshalb nicht weniger falsch. Das Fazit, zu dem Sie kommen, stimmt so einfach nicht. Der Artikel ist falsch bzw. irreführend und muß daher entweder geändert oder gelöscht werden.

  5. Hallo
    Ich bin Momentan im krankengeld bis 30.06.2020. Dan sind die 78 Woche fertig!
    Ich habe zum Arbeitsamt angerufen das ich mich arbeitlosmelden aber die haben mir gesagt das ich mich in dir leste Tag der Krankheit dort anmelden, Wan ist sicher das ich wider gesund bin.
    Ohne spere sägt die Dame.
    Stimmt das? Das keine sperenzeit kommen wenn ich mich in der leste Tag anmelden?
    Danke

  6. Hallo, ich bin ab dem 28.08.20 ausgestellt. Ich habe grosse Angst mich beim Arbeitsamt arbeitslos zu melden und damit auch noch meinen Arbeitsplatz zu verlieren. Nach der Reha habe ich Eu rente beantragt. Meine Frage wieviel Stunden darf ich arbeiten, damit die Rente trotzdem genehmigt wird.

    1. Hallo Beate, Ihre Frage habe ich nicht ganz verstanden. Arbeiten Sie in Ihrer Firma zurzeit noch? Dann dürften Sie doch gar kein Krankengeld bekommen? Oder meinen Sie die Nebentätigkeit bei Erwerbsminderungsrente? Da können Sie im Jahr bis zu 6300 Euro verdienen, ohne dass die Rente gekürzt wird.

  7. Ich bin jetzt seid dem 13.08.2018 Krankgeschrieben. Seid dem 9.2.20 bekomme ich ALG 1. Jetzt wurde ich aufgefordert mich zu bewerben, da der Amtsarzt nach Aktenlage entschieden hat, ich könnte als Pförtner 50 Stunden pro Woche arbeiten. Aber laut der ersten Untersuchung über den Rententräger ist ein Psychologisches Gutachten noch erforderlich und der Arzt hat die Fragen mit der Arbeitsfähigkeit gestrichen. Wie muss ich mich jetzt verhalten? Ich bin auch noch ungekündigt.

    1. Hallo, beim Bezug von Arbeitslosengeld müssen Sie sich bewerben. Die Wahrscheinlichkeit, dass man Ihnen nun einen Job anbietet geht allerdings gegen Null. Ihre Mitwirkung ist jedoch wichtig, um den Bezug des Arbeitslosengeldes nicht zu verlieren. Auch wenn noch ein Arbeitsvertrag besteht.

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